
JOAN BAEZ – Diamonds & Rust Tn The Bullring
1988/2020 (Analogue Productions) - Stil: Rock, Pop, Folk, World
Als Joan Baez am 7. Juli 1988 in der Stierkampfarena von Bilbao auf die Bühne trat, hing der Himmel voller Gewitterwolken. Regen peitschte durch die offene Arena, Blitze zuckten über die Ränge, und doch blieben die Menschen. Genau diesem Abend, „between thunderstorms“, widmete sie später das Live-Album ´Diamonds & Rust In The Bullring´. Denn es war kein gewöhnlicher Abend, es war der Auftritt einer Künstlerin, die sich einem Ort, einer Sprache und einem Publikum vollkommen öffnete.
Aufgenommen wurde das Konzert mit dem mobilen Manor Mobile Studio, produziert von Alan V. Abrahams. Die Bedingungen waren alles andere als studioideal, und gerade daraus erwuchs jene intensive Direktheit, die diese Aufnahme bis heute trägt. Man hört die Arena, man hört die gespannte Erwartung, man spürt die feuchte Luft nach dem Regen. Joan Baez steht im Zentrum, akustische Gitarre, klare Stimme, unverwechselbares Timbre.

Der Abend beginnt mit ´Diamonds & Rust´, jener autobiografischen Ballade, in der sie einst ihre Beziehung zu Bob Dylan verarbeitete. Live in Bilbao klingt das Stück gereift, mit einem Hauch Wehmut, aber ohne Sentimentalität. Die Gitarre schlägt die vertrauten Akkorde an, Joan Baez phrasiert mit ruhiger Sicherheit. Die alte Anekdote, wie sie Bob Dylan einst über die wahre Inspirationsquelle des Songs im Unklaren ließ, schwingt im Hintergrund mit und verleiht dem Moment eine feine Ironie.
Mit ´Ain’t Gonna Let Nobody Turn Me Around´ wird es anschließend umgehend frenetischer. Der traditionelle Gospel kommt prägnant und kämpferisch. Das Publikum reagiert, klatscht, ruft und trägt die Botschaft weiter. ´No Woman, No Cry´ von Bob Marley folgt als entspannter Reggae-Klassiker, akustisch reduziert, mit Klavier und sanft wiegendem Groove. Joan Baez verwandelt den Song in eine warme Folk-Version, die Melodie bleibt eingängig, die Botschaft von Trost und Widerstand klar.
´Famous Blue Raincoat´ von Leonard Cohen erhält in Bilbao eine besondere Färbung. Das Cello-Arrangement von Cesar Cancino, gespielt von John Acosta, legt einen dunklen Unterton unter die Ballade, während Joan Baez die Geschichte mit ruhiger Intensität erzählt, denn der Refrain trägt sich selbst. Ein Höhepunkt ist auch ´Swing Low, Sweet Chariot´. Joan Baez beginnt a cappella, nur ihre Stimme in der weiten Arena, und erhält Szenenapplaus. Dann setzt das Publikum ein, klassisches Call-and-Response, wie ein spontaner Gospelchor unter freiem Himmel. Ein echter Gänsehautmoment.
´Let It Be´ steigert sich mit Unterstützung des L.A. Mass Choir in einen hymnischen Augenblick. Wenn der Chor einsetzt, wächst das Stück zu einer wuchtigen Live-Hymne, getragen von klarer Botschaft und kollektiver Kraft. Mit dem mexikanischen Volkslied ´El Preso Numero Nueve´ und dem tiefgründigen ´Llegó Con Tres Heridas´ wechselt Joan Baez ins Spanische. Die Stimmung wird ernster, die Themen der Songs kreisen um Schuld, Tod und Liebe, und wurden, so zumindest ´Llegó Con Tres Heridas´, gar in Inhaftierung unter dem Franco-Regime geschrieben. Hier zeigt sich die enge Verbindung von Joan Baez zu Spanien und Lateinamerika, zu Poesie und Protest.
Der emotionale Höhepunkt des Abends erwächst in ´Txoria Txori´. Joan Baez lernte das baskische Lied eigens von einem Mann namens Pasku. Es erzählt von einem Vogel, dem man die Flügel stutzt, um ihn zu behalten, und begreift, dass er ohne Freiheit kein Vogel mehr ist. Als sie die ersten Zeilen anstimmt, brandet erster Applaus auf und die gesamte Arena singt mit. Kein beiläufiges Mitsummen, sondern ein kraftvoller, geschlossener Gesang, der die politische Geschichte des Baskenlandes spürbar macht. In diesem Moment gehört die Bühne dem Publikum ebenso wie der Sängerin.
´Ellas Danzan Solas´ von Sting trägt die Erinnerung an die chilenischen Frauen, die den Nationaltanz für ihre verschwundenen Männer ohne diese tanzten. In Spanien, nur wenige Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur, gewinnt der Song zusätzliche Schwere. Joan Baez singt den Tanz der Trauer und des gleichzeitigen Protests gegenüber der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet äußerst einringlich. Mit ´Gracias A La Vida´ tritt Mercedes Sosa hinzu. Zwei große Stimmen vereinen sich. Das Duett – getragen von Respekt und gemeinsamer Geschichte – wirkt wie ein Dank an das Leben selbst, und zählt Dinge auf, für die man dankbar sein kann. Das traditionelle ´No Nos Moverán´ beschließt letztlich das Konzert kämpferisch, kurz und entschlossen, das Publikum erneut aktiv beteiligt.

Das Gatefold der späteren Neuauflagen zeigt Illustrationen von Joan Baez selbst. Ihre Zeichnungen, darunter die stilisierte Figur im roten Kleid mit Gitarre, verleihen dem Album eine persönliche Handschrift. In einer handschriftlichen Widmung dankt sie dem Bürgermeister und den Menschen von Bilbao für ihre Standhaftigkeit im Regen. Diese Details unterstreichen, wie sehr ihr dieses Projekt am Herzen lag.
Audiophil erreicht ´Diamonds & Rust In The Bullring´ mit der 2020 erschienenen 45-RPM-Edition von “Analogue Productions” einen neuen Höhepunkt. Unter der Katalognummer AAPF 080-45 wurde das Album auf zwei 200g-LPs bei “Quality Record Pressings” gefertigt, gemastert von Kevin Gray bei “Cohearent Audio” direkt von den originalen Analogbändern. Die höhere Abspielgeschwindigkeit ermöglicht breitere Rillen, was zu präziserer Abtastung und geringeren Verzerrungen führt. Die Pressung ist außergewöhnlich leise, jedes Detail der Arena-Atmosphäre bleibt erhalten. Insbesondere bei ´Txoria Txori´ wird die Magie dieses Abends hörbar: Man kann das Publikum in der Stierkampfarena von Bilbao mitsingen hören, einzelne Atemzüge und leise emotionale Reaktionen aus den vorderen Reihen sind wahrnehmbar, was die Intimität dieses Moments unmittelbar erfahrbar macht. Das Old-Style Tip-On Gatefold von “Stoughton Printing” rundet die Edition mit hochwertiger Haptik und klarer Druckqualität ab.
´Diamonds & Rust In The Bullring´ ist keinesfalls nur ein weiteres Live-Album. Es ist ein Abend zwischen Gewitter und Gesang, zwischen Protest und Poesie, festgehalten in einer Aufnahme, die künstlerische Integrität, politische Haltung und audiophile Exzellenz auf seltene Weise vereint.
(9,5 Punkte)



