
LIGHTSPEED – Delta
2026 (Independent/Just For Kicks Music) - Stil: Melodic Prog Rock
Wer sich in der Luftfahrt bewegt, kennt vielleicht den Kopfhörer “Delta Zulu” der amerikanischen Firma “Lightspeed” – ein High-End-Headset für Piloten, das für klare Kommunikation im Cockpit sorgen soll. Das Gerät überzeugt mit aktiver Geräuschunterdrückung, einem angenehm leichten Tragekomfort und einem cleveren Audio-Profil, das sich individuell auf das Gehör des Nutzers anpasst. Stundenlanges Fliegen fühlt sich damit fast schon luxuriös an, und die feinen Details, die man unterwegs hört, treten noch deutlicher hervor.
Obwohl es natürlich faszinierend ist, über die Vorzüge dieses Kopfhörers zu philosophieren, sind wir damit wohl ein wenig abgedriftet, denn eigentlich geht es nicht um den Kopfhörer von “Lightspeed”, sondern um die kanadische Band LIGHTSPEED. Und nicht um das Headset “Delta Zulu”, sondern um ihr Album ´Delta´.
Nach über zwanzig Jahren Funkstille melden sich die Kanadier mit diesem vierten Studioalbum zurück, und sofort wird klar, dass die Pause der Kreativität keinen Abbruch getan hat. ´Delta´ wirkt frisch und kraftvoll, so als hätten die Musiker nie aufgehört, miteinander zu spielen. Rod Chappell steht nach wie vor im Zentrum des Geschehens, gemeinsam mit den Sängern John Persichini und Wilmer Waarbroek, während Tommy Denander die Gitarrenparts mit Präzision und Leidenschaft füllt. Howard Helm steuert die Keyboards bei, Holland Malmrose das Schlagzeug, und immer wieder setzen die hochkarätigen Gäste wie Oliver Wakeman, John Helliwell (SUPERTRAMP) und Norda Mullen (MOODY BLUES) pointierte Akzente, die den Songs zusätzliche Farbnuancen verleihen.
Der Auftakt ´Above And Beyond´ eröffnet mit einem markanten Bass und ausladenden Keyboards, während die beiden Sänger harmonisch verschmelzen und die Melodie kraftvoll in Szene setzen. Man spürt sofort den Schwung der Band, dieser Mix aus klassischem 70er-AOR, progressiven Rockelementen und hymnischer Melodik. ´Constant Change´ baut auf diesem Fundament auf, treibt mit edlen Gitarrenlinien und einer starken Bassführung voran, bevor sich ´Sands Of Time´ mit seinen filigranen Gitarrenfills und der fast tänzerischen Leichtigkeit von Rod Chappells Bassarbeit anschmiegt.
Mit ´Cast My Cares (To The Wind)´ taucht das Album in epische Prog-Gefilde ab. Der Song nimmt klassische Anleihen von STARCASTLE sowie KANSAS auf, und besticht durch eingängige Refrains sowie ein Riff, das im Ohr bleibt. Die Saxophonpassagen von John Helliwell verleihen dem Stück eine zusätzliche Dramatik, während die Streicher von Ruth und Joyce O’Leary (SEPHIRA) feine Spannungsbögen weben. ´If I Fall (Rick’s Cottage)´ ist hingegen fast eine Oase der Ruhe, hier treffen sanfte Harmoniegesänge auf eine Flötenlinie von Norda Mullen. ´Different Light´ ist ein Track, der AOR-Melodien mit progressiven Einschüben verbindet. Die Gitarrenarbeit von Tommy Denander (RADIOACTIVE, AOR) ist virtuos, während Oliver Wakemans Synthesizer-Solo das Stück wie eine kleine Hymne trägt.
´On My Way´ und ´Sunrise´ beginnen den zweiten Teil des Albums, eine konzeptionelle Reise, sowohl musikalisch als auch erzählerisch, in der ein Protagonist sich aufmacht, Antworten auf die großen Fragen seines Lebens zu finden. Die Songs verschmelzen zu einem erzählerischen Fluss, in dem die Instrumente wie Figuren agieren – die Flöte von Norda Mullen tanzt durch die Gesangsharmonien, die Keyboards schichten Klangflächen übereinander, und jede rhythmische Wendung unterstreicht die emotionale Bewegung.
´Endless Sky´ und ´Time Stands Still´ zeigen die Band von ihrer orchestralen Seite, ohne das Prog-Element zu überfrachten. Man hört feine Keyboard-Momente, präzise Schlagzeuginteraktionen und Gitarren, die mal kraftvoll, mal melancholisch die Stimmung leiten. In der Ballade ´Maybe Someday´ entfaltet sich eine zarte Kraft, bevor ´Onward´ mit einem epischen Prog-Ausbruch alle Register zieht: Gitarren, Keyboards, Schlagzeug und Gesang vereinen sich zu einem wuchtigen, aber klar strukturierten Ganzen. Den Abschluss bildet ´Wish You Well (The Gweed)´, das wie ein herzlicher Abschiedsgruß klingt – ein würdiges Ende eines Albums, das die Band auf musikalisch hohem Niveau zeigt.
´Delta´ beeindruckt mit melodischer Finesse, packender Spielfreude und einem virtuosen Zusammenspiel, das bei jedem Hören neue Facetten offenbart. Stundenlanges Eintauchen in das Album fühlt sich fast schon luxuriös an, während die kleinen, überraschenden Details – sei es ein unerwartetes Gitarrensolo, die sanfte Flöte von Norda Mullen oder die hymnischen Stimmen von Rod Chappell und John Persichini – den Hörer immer wieder aufs Neue fesseln.
(8 Punkte)



