Redebedarf

A COSMIC TRAIL

Ein Interview mit Markus „Ulle“ Ullrich

Markus „Ulle“ Ullrich gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Figuren der deutschen Heavy- und Progressive Metal-Szene. Ob als Gitarrist, Komponist oder kreativer Kopf – er ist an zahlreichen Projekten beteiligt, die sich jeweils durch ihren eigenen Stil auszeichnen. Wir haben uns mit ihm unterhalten, um mehr über seine musikalischen Anfänge, seine Arbeitsweise im Studio und die Vision hinter dem neuesten Album von A COSMIC TRAIL (´Third´) zu erfahren.

Ulle, wie hast du eigentlich angefangen, Gitarre zu spielen, und wann wusstest du, dass Musik dein Leben werden würde? Gibt es einen bestimmten Moment in deinem Leben, der dich als Musiker besonders geprägt hat?

Musik war für mich schon als Kleinkind wichtig und ich habe wirklich damals schon die Schlagerplatten meiner Eltern hoch- und runtergespielt. Tatsächlich hatten meine Eltern mit Musik aber gar nichts am Hut, es gab also nicht so wirklich einen Anstoß, dass man ja ein Instrument lernen könnte. Mit Gitarre habe ich daher erst spät angefangen, ich war schon 15. Tatsächlich habe ich in meinem Kopf aber schon viel früher irgendwelche Melodien verarbeitet, die mit der Blockflöte aber halt eher ungeil klangen. Es gab also nicht wirklich einen gewissen Moment, es war einfach immer irgendwie in mir drin. Ich habe dann am ersten Tag der Sommerferien mit einer schlechten Gitarre, einem kleinen Brüllwürfel und Peter Burschs „Heavy Metal Guitar I“ angefangen und eigentlich war mir ab dem ersten Tag klar, dass das genau das ist, was ich machen will. Tatsächlich war ich auch nach wenigen Wochen schon ziemlich gut, weil ich quasi Tag und Nacht geübt habe. Dafür hat sich mein spielerisches Level in den 20ern aber eher gehalten, als sich zu verbessern, da es mir mehr um Songwriting ging. Spätestens als es mit THEM losging, hatte ich dann aber auch wieder an mir gearbeitet und das Level quasi erhöht.

13 Jahre nach „II: Mistral“ meldet sich A COSMIC TRAIL mit ´Third´ zurück – was hat diese lange Pause für dich bedeutet?

Ich war ja in der langen Pause nicht untätig und es gab sowohl Alben mit LANFEAR, mit THEM, mit SEPTAGON und jetzt eben auch das Debüt mit UNDER RUINS. Um ehrlich zu sein bin ich nicht davon ausgegangen, dass es überhaupt ein drittes A COSMIC TRAIL-Album geben wird, aber irgendwann im letzten Sommer bin ich morgens aufgewacht und der Gedanke war einfach da. Man muss wissen, dass die Idee einer Umsetzung in meiner Welt auch bedeutet, dass es definitiv passieren wird. Ich hab ein paar lange Spaziergänge unternommen, erste Ideen auf mein Smartphone gebrabbelt und dann einfach losgelegt.

Du bist bei A COSMIC TRAIL ja für das gesamte Songwriting verantwortlich. Wie gehst du vor, wenn du so komplexe, instrumentale Stücke komponierst?

Bei diesem dritten Album war es sogar so, dass ich bis auf das Schlagzeug und die Vocals auch alles selbst gespielt habe. Das war natürlich eine Mammutaufgabe, aber so konnte ich auch alles ineinandergreifen lassen und habe eben immer wieder verschiedene Spuren angepasst oder leicht verändert. Das ist natürlich anders, als einen „normalen“ Song zu schreiben und hat auch nix mit den üblichen Gitarren-Soloalben zu tun, die mich i.d.R. nicht wirklich interessieren. Bei A COSMIC TRAIL soll alles zu einem großen Ganzen werden, daher sind die Stücke eben nicht nach einem regulären Schema arrangiert, sondern eher klassischer aufgebaut. Im Endeffekt ist meist eine Grundidee für den Anfang da, um die ich dann herumarrangiere und mich so quasi von Sequenz zu Sequenz taste. Teilweise kommt wirklich mal ein Riff als Basis, es kann aber auch ein Beat oder sogar nur ein bestimmter Sound sein. Ich ändere dann auch immer wieder einzelne Instrumente ab und experimentiere viel, bis es sich eben richtig anfühlt. Starke Melodien sind mir dabei sehr wichtig. Ich möchte kein ewig rumdümpelndes Post Rock-Album machen, bei dem man sich zu Tode langweilt, sondern es soll immer etwas passieren, was einen bei der Stange hält. Obwohl sich also kaum was wiederholt, möchte ich doch immer einen roten Faden und in sich eingängige Parts haben, die sich dann entwickeln und aufeinander aufbauen. Es geht mir dabei null um technische Sperenzchen oder Saitengewichse, sondern wirklich nur um das Stück an sich.

´Terra 877´ klingt wie eine kleine Weltreise in Musikform. Woher kam die Idee zu diesem epischen Track?

Das war das erste Stück, was ich geschrieben habe und ich kann dir nicht genau sagen, wie es entstanden ist. Tatsächlich habe ich jeden Abend daran gearbeitet und nur etwa zweieinhalb Wochen gebraucht, bis das Ding komplett fertig arrangiert war – fast schon wie in in einer Art Trance. Irgendwie wollte das wohl einfach raus, schwer zu erklären. Es gibt auf dem kompletten Album immer wieder Parts, an deren Entstehung ich mich selbst jetzt beim Anhören nicht so richtig erinnern kann. Nicht, weil ich irgendwie weggetreten war, sondern eher weil ich einfach so extrem viele Dinge wie im Wahn ausprobiert und verworfen und verändert und angepasst und und und habe. 😀

Victoria liefert mit ihrem Sopran einen sehr sakralen Kontrast zu den metallischen Gitarren. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Beide Parts in denen sie zu hören ist, hatte ich zunächst rein instrumental geschrieben – bei ´Terra 877´ aber schon im Hinblick darauf, dass ich einen weiblichen Sopran haben wollte. Ich hab Victoria dann einfach online gefunden, ihr die genauen Spuren geschickt und die hat das nach ein paar Tagen geliefert. Beim letzten Stück ´Ver´ war der finale Part zunächst eine Synthmelodie, aber irgendwie dachte ich dann beim Abschließen des Albums, dass es einfach passend wäre, Victoria da nochmal „einzusetzen“. Ich hab das Arrangement daher noch leicht abgeändert, eine ergänzende zweite Stimme geschrieben und sie nochmal angehauen. Sie kommt eigentlich aus einer komplett anderen Ecke und singt eher so Disneykram oder normalen Pop, aber ihre glockenhelle, engelhafte Stimme war einfach exakt das, was ich wollte.

Gibt es bei ´Third´ einen Track, der für dich persönlich besonders viel Bedeutung hat?

Natürlich gebe ich die Klischeeantwort, dass mir alle Stücke gleich viel bedeuten, aber rein kompositorisch wäre wohl ´Reversio´ mein Favorit. Das Stück ist teilweise sperrig und fast schon bedrohlich, extrem wuchtig und beinhaltet viele Parts, die wohl niemand so von mir erwarten würde. Das Drumming von David ist stellenweise echt abartig und ich habe die komplette Bude zusammengeflucht, als ich den Bass dazu eingespielt habe. Das mag jetzt vielleicht etwas abgehoben und hochtrabend klingen, aber ich denke künstlerisch betrachtet dürfte das so ziemlich das Beste sein, was ich bisher fabriziert habe. Ich hoffe halt einfach, dass sich Hörer finden, die sich die Zeit nehmen und Spaß daran haben, das alles zu entdecken.

Du arbeitest viel in deinem eigenen Heimstudio. Wie sehr beeinflusst das die Musik im Vergleich zu einem „normalen“ Studioprozess?

Naja, das ist dennoch ein normaler Studioprozess. Ein Heimstudio ist ja nicht anders aufgebaut, nur hat man evtl. kein riesiges Mischpult oder einen Kontrollraum, wie die Leute das noch von Fotos aus den 80ern oder 90ern kennen. Der Unterschied ist eigentlich nur der, dass ich niemanden dafür bezahlen muss und dennoch gutes Equipment habe. Am wichtigsten sind letzten Endes sowieso immer die Ohren.

Wie gehst du mit technischen Herausforderungen in so komplexen Songs um, gerade bei rhythmischen Überlagerungen oder orchestralen Arrangements?

Auch hier sind es die Ohren. Ich mache das ja schon lange und im Endeffekt geht es nur darum, eine Vision umzusetzen. Technische Herausforderungen gibt es eigentlich nicht mehr. Ich mache das ja schon eine ganze Weile und irgendwann hört man auch bei 20 Spuren raus, wenn auf irgendeiner eine falsche Harmonie ist. Es sind eher gewisse Übergänge, die vielleicht nicht von Anfang an fließen und an denen ich dann arbeite, bis es sich richtig anfühlt. Das sind so die Momente während des Songwritings, die an den Nerven zehren, da mich gerade diese „Probleme“ dann quasi 24/7 verfolgen und auch beim Einschlafen oder Aufwachen im Kopf ablaufen. Meist läuft es dann auf das hinaus, was ich anderen Bands oder Musikern auch immer empfehle, was aber so ziemlich die schwerste Entscheidung eines Songwriters ist. Wenn ein Part geil ist, aber nicht passt, dann wirf ihn weg!

Du warst und bist in so einigen Projekten aktiv, von LANFEAR über SEPTAGON bis UNDER RUINS. Wie entscheidest du, welche Ideen zu welchem Projekt passen?

Das ist ganz einfach. Ich schreibe immer nur für ein Album. Ich bin quasi im „Modus“ der jeweiligen Band. So einzelne Ideen, die ich habe, wenn ich nicht fix an einem Album arbeite, brabbel ich aber schon auf mein Smartphone und ordne sie einer Band zu. Im eigentlichen Songwritingprozess konzentriere ich mich aber wirklich ausschließlich auf die Band, um die es geht.

Wer waren deine wichtigsten musikalischen Einflüsse? Gibt es noch unbekanntere Künstler, die dich stark geprägt haben?

Mein frühester und auch prägender Einfluss war eindeutig Mike Oldfield. Von seinen 70er-Instrumentalalben bis zu den Popalben der 80er mag ich eigentlich so ziemlich alles von ihm. Das ist jetzt nicht unbedingt was, was man meinen Songs anhört – es ist eher das Verständnis, die Herangehensweise an Musik – das große Ganze. Sein Gespür was Arrangements angeht, aber auch die Art und Weise wie er Melodien schreibt oder Parts übereinander lagert, war schlicht anders. Natürlich war dann später Metal mein Haupteinfluss, als Gitarrist viel US Metal und Thrash, aber ich habe mich nie auf einzelne Stilarten fixiert. Ich habe mich früh für die Proggötter der 70er interessiert, mir bereits in meinen 20ern viel Jazz und Fusion reingezogen und heutzutage höre ich zur Inspiration am liebsten Künstler, die komplett andere Musik machen als die, die ich mache. Dabei ist es egal, ob es sich um brutalen Death Metal, Post Rock, Jazz oder Blues handelt. Das hält mich einfach geistig frisch und öffnet neue Horizonte. Außer im Auto, da muss es einfach knallen und mitsingbar sein und es läuft daher eigentlich ausschließlich Metal, der mich geprägt hat, oder cooler AOR aus den 80ern. Neuere, traditionell gehaltene Bands interessieren mich meist weniger und ich kann auch die ganzen Underground-Hypes i.d.R. nicht im Ansatz nachvollziehen. Mich kann nichts packen, wenn ich es ab Sekunde eins mitspielen und (schlecht) mitsingen kann, weil immer exakt das passiert, was ich erwarte. Da geht es null darum, ob etwas anspruchsvoll ist oder nicht. Das Problem ist eher, dass ich mich langweile und mir als Hörer verarscht vorkomme.

Dein Interesse an Geschichte taucht immer wieder in deinen Songs auf. Wie verbindest du das mit der Musik?

Da hatte sich im letzten Jahr eben UNDER RUINS angeboten, da das einfach textlich zu dieser epischen Musik passt. In anderen Bands schreibe ich keine Texte. Rein instrumental kann es natürlich schon sein, dass mich auch historische Begebenheiten beeinflussen, aber das kann man dann natürlich schlecht raushören, wenn man nicht in meinem Kopf ist. 🙂

Gibt es ein wiederkehrendes Motto oder eine Philosophie, nach der du Musik machst?

Ich möchte immer etwas Frisches in meiner Musik haben und mich nicht wiederholen. Selbst wenn man stilistisch in einem einigermaßen definierten Bereich agiert, kann man dennoch Überraschungen oder interessante Wendungen einbauen – Dinge einfach anders angehen. Bei Songs mit Gesang ist es mir extrem wichtig, dass die Vocallines stark und interessant sind, die Musik dahinter aber eben auch. Das ist evtl. dann das, was Hörer einfacherer Mucke (gerne auch abschätzend) als progressiv bezeichnen. Für mich ist es das nicht. Es ist eher der Respekt vor der Musik an sich und der Drang, den Leuten mehr als nur Einheitsbrei vorzusetzen. Manche schätzen das, manche empfinden das dann als uneingängig, weil sie halt nur Einheitsbrei wollen. Ist ja nicht schlimm, die leben dann eben in einer anderen Welt als ich.

Auf was dürfen sich Fans als Nächstes freuen? Neues Material, Live-Shows, vielleicht auch andere Projekte?

Zumindest die Musik des zweiten UNDER RUINS-Albums ist geschrieben, wir würden gerne aber live noch aktiver werden, bevor wir die Platte angehen. Tatsächlich spiele ich ja jetzt auch live bei ATLANTEAN KODEX und freue mich sehr darauf – da kommt der Bub auch mal wieder raus aus dem Studiomief und es stehen einige coole Shows an. Weitere Projekte sind momentan nicht geplant, evtl. stehen demnächst aber ein paar Gastsoli an. 🙂

https://acosmictrail.bandcamp.com/album/third

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