
LITTLE WALTER – The Best Of Little Walter
1958/2026 (Chess) - Stil: Blues
Als ´The Best Of Little Walter´ 1958 bei “Checker Records” erschien, war Marion Walter Jacobs längst mehr als ein Sideman aus der Band von Muddy Waters. Diese erste LP-Veröffentlichung des Labels bündelte seine größten Charterfolge der Jahre 1952 bis 1955 und dokumentierte eine künstlerische Revolution. Little Walter verwandelte die Mundharmonika in ein elektrisches Lead-Instrument. Er presste sie zusammen mit einem Astatic-Mikrofon in seine Hände, jagte das Signal durch einen übersteuerten Röhrenverstärker und erzeugte einen rauen, saxophonähnlichen Klang, der im Chicago der Fünfzigerjahre einschlug wie eine Bombe.

´My Babe´ eröffnet mit federndem Groove und selbstbewusstem Gesang. Willie Dixon formte den Song aus dem Spiritual „This Train“, Little Walter machte daraus einen tanzbaren Chicago-Blues. Dabei setzt Robert Lockwood Jr. markante Gitarrenakkorde. Der Bass läuft stabil, der Refrain bleibt sofort hängen und Little Walters Harp setzt kurze, prägnante Licks, die sich ins Ohr brennen. Der Song wurde 1955 sein zweiter Nummer-eins-Hit und zeigte ihn als charismatischen Frontmann.
´Sad Hours´ geht in die Tiefe, wirkt dunkel und fast introspektiv. Zwölf Takte lang hält die Band den Groove, bevor die Mundharmonika einsetzt. Dann zieht Little Walter langsame, weit gespannte Bends, die wie ein klagender Ruf klingen. ´You’re So Fine´ bringt dagegen etwas Leichtigkeit ins Spiel. Ein schneller, tanzbarer Shuffle, eine eingängige Melodie. Willie Dixon am Bass sowie Robert Lockwood Jr. an der Gitarre sorgen für die Chicagoer Atmosphäre und Little Walter singt mit ordentlich Charme, lässt seine Harp hell durch die Takte springen.
´Last Night´ ist eine klassische Blues-Ballade. Der Text erzählt von Verlust. Der Gesang klingt rau und verletzlich, die Gitarre dezent, während die Mundharmonika lange, schwebende Töne zieht und dann in kurzen, eindringlichen Phrasen antwortet. Der Song erreichte Platz sechs der R&B-Charts und etablierte Little Walter endgültig als ernstzunehmenden Sänger.
´Blues With A Feeling´ gehört zu seinen Signaturstücken. Das markante Intro-Riff ist bis heute eine Referenz für jeden Blues-Harp-Spieler. Der Groove ist schleppend, schwer, und wird von Fred Below am Schlagzeug getragen. Little Walter spielt kontrolliert, mit klar artikulierten Bends und pointierten Akzenten. Das Stück wurde zum Standard und festigte seinen Status als stilprägender Instrumentalist.
´Can’t Hold Out Much Longer´ stammt aus seiner ersten Session als Leader. Noch ist der Einfluss der MUDDY WATERS BAND deutlich hörbar, denn Muddy Waters spielt hier höchstpersönlich Gitarre. Der Song selbst wirkt druckvoll, mit stampfendem Rhythmus. In der Mitte bricht Little Walter mit einem aggressiven Solo aus, das durch die Verstärkerverzerrung eine bis dahin ungewohnte Schärfe ausstrahlt.

Die zweite Seite beginnt mit ´Juke´, seinem größten Triumph. Ein reines Instrumental, das acht Wochen Platz eins der R&B-Charts hielt und bis heute das einzige Mundharmonika-Instrumental mit dieser Spitzenposition ist. Little Walter formt seine Melodie klar und eingängig, variiert sein Spiel mit schnellen Läufen, abrupten Stopps und markanten Akzenten. Hier wird die Mundharmonika endgültig zum elektrischen Lead-Instrument.
´Mean Old World´ basiert auf einem Stück von T-Bone Walker, doch Little Walter verleiht ihm ein raues, urbanes Feeling. Das Tempo ist gezügelt, der Gesang wirkt eindringlich. Die ausdrucksstarke Harp antwortet mit warmen, tiefen Tönen. Aus einer B-Seite wurde letztlich ein Hit, weil Radiostationen das Stück immer wieder spielten.
´Off The Wall´ knüpft an den instrumentalen Erfolg von ´Juke´ an, wirkt technisch anspruchsvoller und noch energischer. Fred Below treibt den Shuffle schlagkräftig nach vorn, die Mundharmonika springt mit schnellen Figuren über das rhythmische Gerüst. Der Sound ist kraftvoll und unverkennbar.
´You Better Watch Yourself´ klingt wie eine deutliche Ansage. Das Riff ist prägnant, fast aggressiv. Little Walter singt mit Nachdruck, die Harp setzt kurze, scharfe Antworten. Der Song läuft kompakt und schnörkellos durch.
´Blue Light´ zeigt eine andere Seite. Ein langsames Instrumental, eine gedämpfte Stimmung, ein zurückhaltendes Schlagzeug. Die Mundharmonika zieht lange, weiche Töne. Ein später, nächtlicher Blues, konzentriert und ruhig.
´Tell Me Mamma´ ist zum Abschluss ein schneller, rockiger Shuffle, mit dem Fokus auf Gesang und Refrain. Die Gitarren spielen eng am Rhythmus, die Mundharmonika liefert kurze, helle Licks. Das Stück wirkt fast wie ein Vorläufer des Rock ’n’ Roll.
Hinter diesen Aufnahmen steht die Geschichte eines Musikers, der aus dem Maxwell-Street-Viertel Chicagos kam und zunächst stark von Sonny Boy Williamson I geprägt war. Mit dem Wechsel zu “Chess Records” und der Arbeit für “Checker Records” fand Little Walter seine eigene Stimme. Er spielte nicht nur unter seinem eigenen Namen, sondern prägte auch die Aufnahmen von Muddy Waters, Jimmy Rogers, Bo Diddley sowie vielen anderen Künstlern aus dem Chess-Umfeld. Seine Technik mit dem sogenannten „Bullet Mic“ und dem übersteuerten Verstärker setzte neue Maßstäbe. Little Walter beeinflusste Generationen von Musikern, weit über den Blues hinaus.
Die 2026 herausgebrachte Neuauflage im Rahmen der “Chess Records 75th Anniversary Series”, produziert in Zusammenarbeit mit “Acoustic Sounds”, führt dieses Material zurück auf die originalen Mono-Analogbänder. Das Mastering von Matthew Lutthans bei “The Mastering Lab” bewahrt die Direktheit der Fünfzigerjahre, während die 180g-Pressung von “Quality Record Pressings” eine beeindruckende Klarheit bietet. Das schwere und glänzende Tip-on-Gatefold mit den Liner Notes von Studs Terkel rundet diese Edition ab. Diese Ausgabe von ´The Best Of Little Walter´ macht hörbar, warum Marion Walter Jacobs bis heute als der Musiker gilt, der die Blues-Mundharmonika neu definierte.
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