PlattenkritikenPressfrisch

TORI AMOS – Strange Little Girls

2001/2026 (Rhino Records/Atlantic) - Stil: Rock

Als Tori Amos im Herbst 2001 ´Strange Little Girls´ veröffentlichte, war das mehr als ein Ausflug ins Coverfach. Es war eine zielgerichtete Veränderung der Sichtweise von einem Dutzend Kompositionen. Songs, geschrieben von Männern, gesungen von einer Frau, die jede Figur bis in Mimik, Stimme und Körperhaltung durchdeklinierte. Die 2026 erschienene Vinyl-Edition mit sechzehn Stücken hebt dieses Konzept nun auf ein neues Niveau. Erstmals liegt das Album offiziell auf Doppel-LP vor, neu gemastert, klanglich klarer, druckvoller, mit kräftigem Bassfundament und präsenten Höhen. Dazu kommen vier zusätzliche Titel aus den damaligen Sessions, zwei davon lange unter Verschluss.

Entstanden ist das Werk dereinst in Tori Amos’ eigenem Studio Martian Engineering in Cornwall, gemeinsam mit Schlagzeuger Matt Chamberlain und Bassist Jon Evans. Die Abgeschiedenheit hört man. Das Klavier steht im Zentrum, ein Bösendorfer mit vollem, warmem Ton, der selbst in den härteren Momenten geschmeidig bleibt.

Gleich zu Beginn setzt ´New Age´ von THE VELVET UNDERGROUND ein elektrisierendes Zeichen. Das ursprünglich melancholische Lou Reed-Stück verwandelt Tori Amos in einen federnden Uptempo-Song, das Piano springt, tanzt, fast poppig. Sie verkörpert eine Frau, die im Rampenlicht ihre Identität sucht, gleichzeitig berauscht vom Schein der Jugend und des Glamours.

Mit ´’97 Bonnie & Clyde´ von Eminem kippt die Stimmung ins Unheimliche. Die aggressiven Rap-Verse werden zu einer schaurigen, schleppenden Ballade. Tori Amos singt aus der Sicht der ermordeten Ehefrau im Kofferraum, ihre Stimme flüstert, zart und zugleich tödlich, jeder Ton ein Stich, jede Silbe eine stille Warnung.

Der Titelsong ´Strange Little Girl´ von THE STRANGLERS zeigt Tori Amos in nervösem Rockmodus. Das Piano setzt präzise, kurze Figuren, die junge Frau im Song blickt fest, fast herausfordernd, ihre Unsicherheit bleibt spürbar, kontrolliert und verletzlich zugleich.

´Enjoy The Silence´ von DEPECHE MODE wird zu einer langsamen, sakralen Ballade. Die Synthies verschwinden, ein Piano legt sanfte Streicher darunter, die Stimme verdoppelt sich, spiegelt innere Zerrissenheit wider. Jede Phrase öffnet ein kleines Fenster ins Innenleben der Persona, zart und intim.

In ´I’m Not In Love´ von 10CC löscht Tori Amos den glatten Popglanz. Ein minimalistischer Beat, kühle Harmonien, die Stimme nah und direkt, fast ein Geständnis in einem leeren Raum. Die Leere wird hörbar, jede Note skizziert die emotionale Isolation.

´Rattlesnakes´ von LLOYD COLE AND THE COMMOTIONS erhält einen federnden, leicht rockigen Groove. Tori Amos lässt die Femme Fatale der Lyrics selbstbewusst auftreten, spielt mit Betonung und Tempo, das Piano zwinkert und zieht zugleich unter die Haut.

´Time´ von TOM WAITS wird zur epischen Klavierballade. Langsame Akkorde dehnen sich, die Stimme ätherisch, eine Frau, die Tod oder Trauer verkörpert. Die Zeit scheint stillzustehen, jeder Anschlag erzählt Geschichte, zieht den Hörer in eine stille, hypnotische Nacht.

Bei ´Heart Of Gold´ von NEIL YOUNG sprengt Tori Amos das Lagerfeuer-Idyll. Verzerrte Keyboards, metallische Piano-Akkorde, aggressive Ansätze ersetzen sanfte Folkklänge. Die Stimme kämpft, sucht nach Menschlichkeit in einer harten Welt. Die Frau im Song sucht mehr als romantische Wärme – sie stemmt sich gegen die Kälte, jede Note spiegelt Widerstand und Sehnsucht.

Auf der zweiten LP zeigt ´I Don’t Like Mondays´ von THE BOOMTOWN RATS kühle Kontrolle. Tori Amos singt ruhig, fast kindlich, über eine grausame Tat. Die Spannung entsteht durch Zurückhaltung, das Grauen wird hörbar, ohne laute Effekte.

´Happiness Is A Warm Gun´ von THE BEATLES wächst zu fast zehn Minuten epischer Dynamik. Tori Amos mischt zarte Passagen mit eruptiven Ausbrüchen, Callgirl-Perspektive, Sprachsamples von George W. Bush und ihrem Vater, verbindet Sexualität, Gewalt und psychologische Tiefe zu einem dichten, erzählerischen Stück.

Mit ´Raining Blood´ von SLAYER transformiert sie das Thrash-Riff-Monster in düstere Klavierpassagen. Langsamer Aufbau und dramatische Spannungen. Die Widerstandskämpferin, die Tori Amos verkörpert, kämpft und blutet, sie erhebt sich gegen Unterdrückung – fast cineastisch, intensiv und kompromisslos.

´Real Men´ von JOE JACKSON klingt wie eine fragile Hymne auf gebrochene Rollenbilder. Reduziertes Piano, Stimme zwischen Spott und Mitgefühl, Tori Amos spiegelt ambivalente Masken von Männlichkeit, subtil-provokativ.

Die neue Edition bringt vier Bonustracks: ´Growin’ Up´ von BRUCE SPRINGSTEEN explodiert als treibender Piano-Rock-Song und lässt das Erwachsenwerden hörbar werden. ´Hoover Factory´ von ELVIS COSTELLO erzählt in einem mittleren Tempo, piano-getrieben, und mit einem britischen Pub-Rock-Einschlag. Tori Amos führt die Geschichte klar und direkt. ´After All´ von DAVID BOWIE verwandelt sich in eine kühle, elegische Ballade, sehr introspektiv und dunkel. Die Isolation der Figur wird spürbar. ´Only Women Bleed´ von ALICE COOPER bleibt eindringlich. Die häusliche Gewalt steht natürlich im Zentrum. Tori Amos singt dazu mit ruhiger Intensität. Bitterkeit und Empathie verschmelzen zu einem kraftvollen Statement.

Hinzu kommt die visuelle Komponente: Zwölf verschiedene Cover zeigen Tori Amos als jede der Figuren, fotografiert von Kevyn Aucoin. Jede Hülle wirkt wie ein Standbild aus einem Film, jede Pose erzählt eine eigene Geschichte.

Die 2026er Vinyl-Ausgabe von ´Strange Little Girls´ präsentiert sich damit als geschlossenes Werk, technisch aufgewertet, konzeptionell geschärft, erweitert um lange vermisste Bausteine. Sechzehn Songs, sechzehn Rollen, ein Flügel im Zentrum. Tori Amos spielt sie alle mit kühler Präzision und glühender Intensität. Ein starkes, eigenständiges Kapitel in ihrem Œuvre, jetzt endlich auf schwarzem Vinyl in voller Größe erfahrbar.

https://www.facebook.com/toriamos

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"