
DAYMOON – Wednesday
2026 (OOB Records/Just For Kicks Music) - Stil: Art Rock, Kammer Prog, Avantgarde Folk
Mit ihrem fünften Studioalbum ´Wednesday´ schlagen DAYMOON ein neues Kapitel auf. Die Band um Fred Lessing verzichtet konsequent auf Schlagzeug und öffnet damit einen Klangkosmos, der zwischen Art Rock, Kammer Prog, Sci-Fi-Folk und cineastischer Experimentierlust schwebt. Was zunächst wie ein radikaler Einschnitt wirkt, erweist sich schnell als Befreiungsschlag. Die Musik wirkt konzentriert, bis ins Detail ausgearbeitet. Im Zentrum steht die Stimme von Lavínia Roseiro, die dieses Werk trägt und mit erzählerischer Kraft durch alle emotionalen Untiefen führt.
´Dyschordia´ eröffnet mit schrägen Harmonien und metallisch schimmernden Klängen, als würde eine futuristische Hymne auf einer verlassenen Raumstation erklingen. Blechbläser setzen markante Akzente, Fred Lessing legt elektrische Gitarren darüber, die auch flirrend aufblitzen.
´Mid-Week Crisis´ zeigt sich als melancholische Reiseballade. Akustische Gitarren, Orgel von Jeff Markham und das fragile Zusammenspiel von Trompete und Saxofon zeichnen eine graue Szenerie, irgendwo zwischen Vorstadtzug und regennasser Küste. Lavínia Roseiro singt beinahe flüsternd. Das Stück wächst organisch und steigert sich in einen kraftvollen Moment mit Violine und Field Recordings.
Mit ´Real Diehl´ folgt eine warmherzige Hommage. Akustische Saiteninstrumente und dezente Keyboards schaffen einen folkigen Untergrund, während Thomas Olsson elektrische Farbtupfer setzt. Courtney Swain (BENT KNEE) steuert eine eindringliche Gesangsspur bei, die sich mit Fred Lessing vereint. Der Song wirkt wie ein spätes Glas Brandy unter Freunden, voller Erinnerung und leiser Wehmut.
´The Poet Who Vanished On Wednesday´ gerät zum Mini-Drama. Flöte von Paulo Chagas und Piano von Jeff Markham eröffnen fast kammermusikalisch, dann schiebt sich eine progressive Gitarrenfigur hinein. Der Song changiert zwischen verspielter Leichtigkeit und dunkler Andeutung, als würde ein Dichter tatsächlich im Nebel eines ewigen Mittwochs verschwinden.
´Oceans Of The Moon´ greift das Motiv des Sci-Fi-Folk auf. Akustische Gitarren, Flöten und ein sanftes Mellotron-ähnliches Keyboardbett lassen Bilder von Jules-Verne-Abenteuern entstehen. Lavínia Roseiro singt klar und erzählerisch, während sich im Hintergrund dezente Synthesizer-Wellen auftürmen.
Ein emotionaler Höhepunkt ist ´The Trees Of The Mind Are Black´. Hier verschmelzen Bläser, Bassklarinette und flirrende Gitarren zu einem düsteren Art Rock-Stück mit hymnischem Refrain, langsamer Steigerung und einem dramatischen Finale. ´The Arrythmix´ setzt dagegen auf Trompete und Saz, fast wie ein avantgardistisches Zwiegespräch, obwohl das Stück etwas fragmentarisch wirkt.
Mit ´Globulin Brine´ beginnt die große Suite über die Kindersanatorien der 1960er-Jahre. Das Stück arbeitet mit schlichten Motiven auf Akustikgitarre, verstörenden Klangflächen und kindlich anmutenden Melodica-Phrasen. Die Atmosphäre ist kühl, beinahe klinisch. In ´The Vice´ schleichen sich dunkle Keyboardakkorde und gedämpfte Trompeten ein, während der Gesang eine bedrückende Schwere transportiert.
´Bitter Lemon Soup´ wirkt fast grotesk, neben dissonanten Einsprengseln stehen helle, scheinbar harmlose Melodien. Der Text beschreibt erzwungenes Essen, musikalisch unterlegt mit einem schleppenden, bitteren Thema auf Klavier und Bass. ´Lie In Silence´ zitiert die Brahms’sche Wiegenlied-Melodie, verfremdet sie und legt sie in eine unheimliche, langsame Balladenform. Hier wird das Kinderlied zur gespenstischen Erinnerung.
´Lungs Unfold´ bringt eine kurze, fast hoffnungsvolle Hast. Gitarren treiben das Stück voran, Bläser setzen energische Akzente, als würde ein Fluchtversuch musikalisch umgesetzt. In ´Solitary´ fällt alles wieder in eine reduzierte, düstere Stimmung zurück. Einzelne Pianotöne, leise Gesangslinien, ein Gefühl von Isolation.
´Calling All Saints´ wirkt wie ein inneres Gebet, getragen von Jeff Markhams Klavier. Die Harmonien sind klassisch, beinahe sakral, während Lavínia Roseiro mit großer Intensität singt. ´Cocoon´ steigert sich zu einem emotionalen Art Rock-Stück mit ausgreifenden Gitarren von Thomas Olsson und subtilen Synth-Flächen. Hier gipfelt die Suite in einem kraftvollen Ausbruch.
Den Abschluss bildet ´The Healing´, ein ruhiges, versöhnliches Stück mit akustischer Gitarre, Piano und Kontrabass von Ed McGlauglin. Die Trompete von Luca Calabrese setzt warme, weiche Akzente. Der Song wirkt wie ein vorsichtiger Neubeginn, mit leiser Zuversicht.
´Wednesday´ ist ein mutiges, komplexes Prog-Epos, das persönliche Traumata in kunstvolle Kompositionen überführt. DAYMOON verbinden Art Rock, Folk, Jazz und avantgardistische Elemente zu einem Werk, das tief berührend ist. Dieses Album markiert einen künstlerischen Höhepunkt in der Geschichte dieser außergewöhnlichen Band.
(8,5 Punkte)
https://daymoon.bandcamp.com/album/wednesday
https://www.facebook.com/daymoon.music



