
THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE – Axis: Bold As Love UHQR
1967/2026 (Analogue Productions) - Stil: Rock, Psychedelic Rock, Blues Rock
Zuletzt erblickte mit ´The Axis: Bold As Love Sessions´ ein umfassendes Super-Deluxe-Boxset zu Jimi Hendrix’ zweitem Album ´Axis: Bold As Love´ das Licht der Öffentlichkeit. Es dokumentierte dessen Entstehung in bisher unerreichter Tiefe – mit neu gemasterten Stereo- und Mono-Mixen von Bernie Grundman, einem immersiven Dolby-Atmos-Mix von Eddie Kramer sowie 27 bislang unveröffentlichten Demos, alternativen Takes und Live-Aufnahmen. Nun folgt die endgültige, klangliche Krönung.
Mit den UHQR-Editionen in Mono und Stereo legen “Analogue Productions” und THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE das Album in seiner reinsten Form vor – ein Hörerlebnis von höchster, bislang unerreichter Klarheit.
Als THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE im Dezember 1967 ´Axis: Bold As Love´ in Großbritannien veröffentlichten, war die Welt der Studios im Umbruch. In London hatte sich mit den “Olympic Studios” ein Ort etabliert, der Lautstärke, Feedback und Experimente bewusst zur musikalischen Entfaltung nutzte. Hier traf Jimi Hendrix auf Eddie Kramer, hier begann er, das Studio wie ein Instrument zu spielen. Produzent Chas Chandler hielt den Zeitplan im Blick, doch Jimi Hendrix dachte längst weiter. Zwischen Drei-Minuten-Format und freiem Jam entstand ein Album, das weniger Explosion als Expansion ist.

Der Auftakt ´EXP´ wirkt wie ein Funkprotokoll aus einer anderen Galaxie. Mitch Mitchell mimt den Reporter, Jimi Hendrix verfremdet seine Stimme zum außerirdischen Experten, dann kippt das Hörspiel in kreischendes Feedback, das im Stereo-Bild kreist wie ein startendes Raumschiff. Das ist kein Gag, sondern eine Ansage: Hier wird Technik bewusst inszeniert, das Mischpult wird Teil der Komposition.
´Up From The Skies´ gleitet danach in einem lässigen Jazz-Feel an. Mitch Mitchell spielt mit Besen, das Schlagzeug federt weich, Noel Redding legt einen geschmeidigen Bass darunter. Jimi Hendrix singt mit kühler Gelassenheit aus der Perspektive eines Besuchers vom anderen Stern, der nachfragt, warum Menschen ihre Familien „in hohen, kalten Käfigen“ halten. Das Wah-Wah bleibt dezent, die Gitarre setzt feine Akzente, fast wie in einem Club-Set nach Mitternacht.
Mit ´Spanish Castle Magic´ nimmt das Trio Fahrt auf. Das Riff wird hart angeschlagen, mit dieser typischen Mischung aus Blues und frühem Hardrock. Der Song erinnert an den Club bei Seattle, in dem Jimi Hendrix als Teenager spielte. Hier klingt er selbstbewusst, fast trotzig. Noel Redding setzt auf einen markanten Bass, die Gitarrensoli werden breit im Stereo verteilt, das Ganze entwickelt Druck, ohne ins Chaotische zu kippen. Ein Rock-Song mit Biss, der live zur Waffe wurde.

´Wait Until Tomorrow´ erzählt eine kleine Tragödie im Soul-Gewand. Das Riff ist kompakt, fast funky, die Strophen tänzeln, während der Text von einem nächtlichen Fluchtplan berichtet, der im Kugelhagel des Vaters endet. Man hört, wie sehr Jimi Hendrix von den Isley Brothers geprägt wurde. Die Gitarrenfiguren sind präzise gesetzt, Mitch Mitchell spielt lebhaft dagegen, alles wirkt wie ein dramatisches Mini-Theaterstück in drei Minuten.
´Ain’t No Telling´ ist kurz, schnell, konzentriert. Ein Speed-Kracher mit vertrackten Breaks, abrupten Stopps und scharfen Riffs. Kein Gramm Fett, nur Energie. Hier zeigt das Trio, wie eng sie aufeinander abgestimmt sind, jeder Ton sitzt perfekt.
Dann ´Little Wing´. Zwei Minuten Ballade, die sich eingebrannt haben. Jimi Hendrix schickt seine Stratocaster durch einen rotierenden Lautsprecher, die Akkorde perlen, als würden Rhythmus- und Leadgitarre gleichzeitig aus einer Hand fließen. Ein Glockenspiel setzt helle Tupfer, der Gesang klingt zart und direkt. Die Figur der schützenden, fast engelsgleichen Frau erscheint in wenigen Zeilen klar umrissen. Der Song ist knapp bemessen, kein Ton zu viel.
´If 6 Was 9´ bildet den Abschluss der ersten Vinyl-Scheibe. Ein schweres Blues-Riff, dann freie Momente, in denen die Band auseinanderdriftet und sich wieder findet. Jimi Hendrix singt vom eigenen Weg, vom Recht auf Anderssein. Im Studio stampfen Chas Chandler, Graham Nash und Gary Walker auf ein Podest, dazu kommt eine einfache Blockflöte, die Jimi Hendrix für ein paar Schillinge gekauft hatte. Der finale Jam wirkt roh und trotzig. Dass die erste Mischung im Taxi verloren ging und in einer Nacht neu erstellt werden musste, hört man dem Stück kaum an. Es klingt groß und entschlossen.

Das zweite Vinyl startet mit ´You Got Me Floatin’´. Ein rockiger, treibender Song, der mit rückwärts abgespielten Gitarren beginnt. Im Refrain unterstützen Graham Nash, Roy Wood und Trevor Burton mit markanten Chorstimmen. Das Stück wirkt fast hitverdächtig, doch im Solo dreht Jimi Hendrix die Effekte wieder hoch und verschiebt das Gleichgewicht.
´Castles Made Of Sand´ gehört zu den stärksten Momenten des Albums. Drei kleine Geschichten, drei zerbrochene Lebensentwürfe, vom verlassenen Ehemann bis zum Mädchen im Rollstuhl. Die Gitarre läuft stellenweise rückwärts, was dem Song einen schwebenden, leicht unwirklichen Charakter gibt. Die Akkorde bleiben klar, der Gesang ruhig. Hier zeigt sich Jimi Hendrix als präziser Erzähler.
Mit ´She’s So Fine´ übernimmt Noel Redding das Steuer. Ein britischer Pop-Rock-Song mit deutlichem THE WHO-Einschlag, eingängig, fast heiter. Jimi Hendrix hält sich zurück, setzt ein kurzes, scharfes Solo. Der Kontrast zum restlichen Material ist deutlich, zugleich zeigt er, wie offen die Band im Studio agierte.

´One Rainy Wish´ verbindet Traum und Technik. Die Strophen laufen im Walzer-Takt, der Refrain wechselt in ein gerades Rock-Metrum. Jimi Hendrix singt von Sternen und elf Monden, die über Regenbögen spielen. Die Gitarre phrasiert weich, fast jazzig, und dann bricht der Refrain mit klarer, elektrischer Kraft auf. Ein Stück mit komplexem Aufbau, das trotzdem flüssig wirkt.
´Little Miss Lover´ bringt Funk ins Spiel. Das Schlagzeug beginnt mit einem trockenen, pointierten Intro, die Gitarre arbeitet mit gedämpftem Wah-Wah, der Groove ist direkt, körperlich, tanzbar. Kein großes Konzept, eher Club-Atmosphäre.
Den Abschluss bildet ´Bold As Love´, eine Hymne in mehreren Abschnitten. Jimi Hendrix ordnet Gefühlen Farben zu, Rot für Zorn, Grün für Neid, Gold für Hoffnung. Die Band steigert sich, doch die Geschwindigkeit bleibt kontrolliert, dann folgt eine ausgedehnte Gitarrenpassage. Hier kommt das Stereo-Phasing ins Spiel, ein Effekt, den Hendrix „im Traum gehört“ haben wollte. Die Gitarre schraubt sich nach oben, das Schlagzeug rollt, alles wirkt fast orchestral. Ein Finale, das Größe beansprucht und sie einlöst.
´Axis: Bold As Love´ zeigt THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE in einer Phase, in der das Studio zum Spielfeld wurde. Eddie Kramer fand Wege, vier Spuren wie acht klingen zu lassen, indem er Schlagzeug in Stereo aufnahm und die Bänder clever vormischte. Chas Chandler hielt die Uhr im Blick, während Jimi Hendrix an Details feilte, Takes wiederholte, Gitarren übereinanderschichtete. Die Spannungen waren spürbar, doch sie führten zu einem Werk, das melodischer, komplexer und persönlicher wirkt als das Debüt.
UHQR 45 RPM – Mono vs. Stereo
Mit den neuen 45-RPM-UHQR-Ausgaben von THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE wird ´Axis: Bold As Love´ nicht einfach nur neu aufgelegt, sondern zeigt sich in der reinsten Form, die das Vinyl erlauben kann.
Die von “Analogue Productions” veröffentlichten Editionen (UHQR 0001-45 Stereo / UHQR 0002-45 Mono) erscheinen als 45-RPM-Doppel-LP auf 200g-Clarity-Vinyl, gepresst bei “Quality Record Pressings”. Gemastert wurde direkt von den originalen analogen Masterbändern durch Bernie Grundman – AAA, ohne digitalen Zwischenschritt.

45 RPM ist hier besonders entscheidend. Der Wechsel von 33⅓ auf 45 RPM bringt hörbare Vorteile: größere Rillenamplitude, bessere Hochtonabbildung, geringere Verzerrung in den Innenrillen, präzisere Bassdefinition, höhere Kanaltrennung
Gerade bei einem Album, das mit Rückwärtsspuren und dynamischen Kontrasten arbeitet, macht das einen spürbaren Unterschied. Die 45-RPM-Version wirkt luftiger, mit mehr Raum zwischen den Instrumenten. Besonders auffällig: kein wahrnehmbarer Hochtonabfall am Ende der Seiten – der finale Titeltrack bleibt bis in die letzten Rillen stabil und offen.
Clarity Vinyl verzichtet auf das übliche Carbon Black. Das Resultat ist ein fast milchig-transparentes Vinyl, dessen Vorteil nicht optisch, sondern akustisch ist: minimiertes Oberflächenrauschen. In extrem leisen Passagen – etwa dem Intro von ´Little Wing´ – entsteht der Eindruck, die Musik tauche aus absoluter Stille auf. Hinzu kommt das flache UHQR-Profil (ohne Groove Guard). Der Tonabnehmer bleibt über die gesamte Platte im konstanten Winkel zur Rille. Das reduziert besonders bei komplexen Passagen wie dem Finale von ´Bold As Love´ hörbar Verzerrungen.
Stereo-UHQR
Die Stereo-Fassung (limitiert auf 4.500 Exemplare) ist das psychedelische Erlebnis in Reinform. Eddie Kramers ursprüngliche Panorama-Experimente – Stimmen, die wandern, Gitarren, die plötzlich von links nach rechts schnellen – profitieren massiv von der erweiterten Kanaltrennung der 45er-Pressung.

Auffällige Momente: In ´EXP´ kreist das „Raumschiff“ plastisch im Raum, die Effekte verlieren jede Härte und wirken organisch eingebettet. Bei ´If 6 Was 9´ schweben die Blockflöte und die rückwärts laufenden Gitarrenspuren körperlich greifbar zwischen den Lautsprechern. Und im legendären Phasing-Finale von ´Bold As Love´ entfaltet sich eine fast dreidimensionale Rotation.
Interessant: Nicht jeder Song profitiert gleich stark. ´Up From The Skies´ und ´Spanish Castle Magic´ zeigen subtilere Unterschiede, während ´Wait Until Tomorrow´ vor allem im Bass an Kontur gewinnt. Der Kickdrum-Anschlag ist trockener, definierter.
Die Stereo-UHQR ist die Version für jene, die die ganze Studio-Architektur hören wollen – Effekte, Layer, Bewegungen.
Mono-UHQR
Der Mono-Mix (limitiert auf 2.500 Exemplare) ist kein Fold-Down, sondern ein eigenständiger Mix aus der Zeit, in der Mono noch als Referenz galt. Hier verschwindet das Panorama-Spiel – und plötzlich rückt die Band als Einheit ins Zentrum.

Der Klangcharakter ist wärmer, dichter, druckvoller und fokussierter. Mitch Mitchells Snare in ´If 6 Was 9´ trifft unmittelbarer. Das Riff von ´Spanish Castle Magic´ entwickelt eine beinahe brachiale Geschlossenheit. ´Wait Until Tomorrow´ wirkt trockener, funkiger, körperlicher.
Ohne Stereo-Effekte treten Timing, Groove und Interaktion deutlicher hervor. Die Mono-UHQR besitzt eine beeindruckende Kohärenz – man hört drei Musiker, die gemeinsam aufspielen.
Gute Mono-Mischungen erzeugen eine erstaunliche Front-to-Back-Dimension – und diese Pressung macht das hörbar.
Masterband-Qualität & Grundman-Schnitt
Beide Versionen wurden von hervorragend erhaltenen Bändern geschnitten. Bernie Grundmans Lacquer-Cut überzeugt durch enorme Transparenz, natürliche Dynamik und keinerlei künstliche Kompression.
Die Unterschiede zur 33⅓-UHQR sind nicht dramatisch – aber eindeutig. Mehr Luft, mehr Separation, minimal schärfere Konturen. Für Hörer, die dieses Album seit Jahrzehnten kennen, entsteht tatsächlich der Eindruck, Details neu zu entdecken.
Mono oder Stereo?
Die Mono-UHQR setzt den Fokus klar auf Rhythmus und Direktheit. Sie vermittelt das Gefühl einer Band, die geschlossen im Raum steht und gemeinsam spielt. Das Klangbild ist zentralisiert, dicht und kraftvoll, mit einer physischen Präsenz, die besonders die Rhythmussektion in den Vordergrund rückt. Die Wirkung ist kompakt und geschlossen, fast wie ein konzentriertes Live-Erlebnis im Studio.

Die Stereo-UHQR hingegen öffnet den Raum. Hier stehen Räumlichkeit, Tiefenstaffelung und die psychedelischen Effekte im Mittelpunkt. Instrumente lösen sich voneinander, Gitarrenspuren entfalten sich in der Breite. Die Wirkung ist weiter, fast architektonisch angelegt – weniger Band im Raum als vielmehr Klangraum um die Band herum.

Am Ende ist es keine Frage von besser oder schlechter, sondern von Perspektive. Die Stereo-Version öffnet den Raum. Die Mono-Version verdichtet ihn. Beide eint: außergewöhnliche Pressqualität, praktisch kein Rauschen, perfekte Zentrierung, makellose Oberflächen.
Diese 45-RPM-UHQRs gehören klanglich zum Besten, was von ´Axis: Bold As Love´ je erschienen ist. Nicht weil sie das Album neu erfinden – sondern weil sie es freilegen. Die Musik steht stabiler im Raum, die Dynamik wirkt entspannter, die Instrumente sind klar umrissen.
Wer die psychedelische Reise sucht, greift zur Stereo-Version.
Wer die Band in konzentrierter Form erleben möchte, wählt Mono.
Beide zeigen eindrucksvoll, warum dieses Album nicht nur musikalisch, sondern auch klanglich zu den dauerhaft faszinierenden Produktionen der späten 1960er gehört.
Schlussbetrachtung
Was die Liner Notes besonders deutlich machen, ist weniger eine technische als eine menschliche Entwicklung. ´Axis: Bold As Love´ dokumentiert den Moment, in dem Jimi Hendrix beginnt, das Studio nicht mehr nur zu benutzen, sondern zu beherrschen. Die Zusammenarbeit mit Chas Chandler funktionierte noch, aber sie stand bereits unter Spannung. Während Chandler auf Effizienz und Abschlüsse drängte, hörte Hendrix Möglichkeiten, die weiter reichten. Dieses Album ist das letzte Werk, in dem beide Impulse im Gleichgewicht bleiben: Disziplin und Vision, Struktur und Ausdehnung.
Gerade deshalb wirkt ´Axis: Bold As Love´ heute als harmonischer Mittelpunkt im Werk der JIMI HENDRIX EXPERIENCE. Das Debüt ´Are You Experienced´ war der Durchbruch. Das dritte Studioalbum ´Electric Ladyland´ sollte zur offenen Klangarchitektur werden. Doch auf ´Axis: Bold As Love´ verschmelzen Songform und Studioexperiment zu einer seltenen Balance.
Die neuen UHQR-Editionen von “Analogue Productions” legen diese Balance frei. Sie verändern nichts am Wesen der Musik – sie schärfen nur den Blick. In Mono hört man die Band als geschlossene, lebendige Einheit. In Stereo erlebt man die räumliche Kühnheit eines Künstlers, der begann, Klang als Dimension zu denken.
Vielleicht liegt genau darin die bleibende Größe dieses Albums: Es klingt weder wie ein Experiment noch wie ein Statement. Es klingt wie ein Moment absoluter Klarheit – bevor alles größer, komplexer und unkontrollierbarer wurde.
´Bold As Love´ ist hier nicht nur ein Titel. Es ist die Geste eines Künstlers, die bis heute nachklingt.
(Klassiker)



