
ROY BROOKS – The Free Slave
1972/2025 (Time Traveler Recordings/Muse Records) - Stil: Jazz
´The Free Slave´ von Roy Brooks, aufgenommen live am 26. April 1970 bei der “Left Bank Jazz Society” in Baltimore und erstmals 1972 auf “Muse Records” veröffentlicht, ist ein Live-Statement unbändiger Kreativität, rhythmischer Intelligenz und lebendiger Kommunikation. Roy Brooks steht nicht nur als Schlagzeuger im Zentrum, sondern als Komponist und musikalischer Architekt, der sein hochkarätiges Quintett – Woody Shaw, George Coleman, Hugh Lawson und Cecil McBee – auf eine intensive, emotionale Reise schickt. Jede Improvisation wirkt durchdacht. Zugleich entfacht jede Note die rohe Energie eines Live-Auftritts.
Kaum hat die Nadel die Rille berührt, wird das Zusammenspiel von Bühne und Publikum spürbar. Ein spontaner Ruf oder sogar ein längerer Ausruf – „Come on Roy, that’s what I want from you!“ – durchbricht die Luft. Selbst der Jazz lebt von dieser Teilhabe. Zuhörer sind nicht passive Beobachter, sondern Gesprächspartner, die das musikalische Geschehen emotional spiegeln und auch antreiben können. Wie sagte Eric Dolphy einst: Sobald die Musik verklungen ist, ist sie in der Luft verschwunden; im Jazz wird jeder Moment nur einmal erlebt, und diese Flüchtigkeit macht ihn so intensiv.

Der eröffnende Titeltrack ´The Free Slave´ entfaltet sich über zwölf Minuten als kraftvoller Programmpunkt. Roy Brooks legt ein komplexes, polyrhythmisches Schlagzeugmuster an, das das Ensemble trägt und antreibt. Woody Shaw setzt eine strahlend klare Trompetenstimme dagegen, George Coleman erweitert das Klangbild am Tenorsaxophon mit bluesigen Färbungen und harmonischem Tiefgang. Aber vor allem Cecil McBee verleiht dem Ensemble mit seinem warmen, tiefen Bass Stabilität und Hugh Lawson schwebt unüberhörbar mit dynamischen Klavierfiguren zwischen Vamps und schnellen Läufen. Das Stück baut Spannung auf und feiert die Freiheit.
´Understanding´ zeigt Roy Brooks von einer introspektiveren Seite. Die Samba-Rhythmen des Schlagzeugs schaffen eine subtile, treibende Grundlage. Woody Shaw und George Coleman führen ihre Soli mit kontrollierter Intensität, das Klavier schwebt filigran dazwischen, während der Bass von Cecil McBee warm und resonant den Boden befruchtet. Ein Moment, in dem die Musik schwebt und zugleich vorwärts treibt – elegant, organisch, zutiefst menschlich.
Cecil McBees Komposition ´Will Pan’s Walk´ ist ein rasantes, rhythmisch komplexes Stück, das alle Musiker fordert. Die Trompete von Woody Shaw schneidet präzise, George Colemans Tenorsaxophon gleitet flüssig, das Klavier von Hugh Lawson punktet mit eleganten Akzenten, und Cecil McBee vollführt ein ausgedehntes Bass-Solo, das Spannung und Dynamik aufbaut. Roy Brooks steuert virtuose Fills und prägnante Akzente bei, die das Stück aufwirbeln und jeden Solist glänzen lassen.
Mit ´Five For Max´ richtet Roy Brooks ein episches Tribut an Max Roach. Das Stück in 5/4-Takt treibt durch markante Schlagzeugfiguren, ausgefeilte Rim-Clicks und den experimentellen Einsatz seines „Breath-a-Tone“-Effekts, der den Drums eine gesangliche Qualität verleiht. George Colemans Tenorsaxophon drängt nach vorne, Woody Shaw reagiert mit rhythmischer Brillanz, Hugh Lawson und Cecil McBee fügen sich nahtlos ein, während Roy Brooks das Ensemble durch das Stück dirigiert, als würde er jeden Moment orchestrieren. Das Ergebnis ist eine hymnische und zugleich experimentelle Passage, die den ganzen Quintettgeist bündelt.

Historisch gesehen ist diese Live-Session eine Brücke: Sie vereint Hard-Bop-Strukturen, Soul- und Funk-Elemente, avantgardistische Impulse und die gelebte Tradition des Jazzgesprächs zwischen Bühne und Publikum. Roy Brooks’ Quintett reflektiert die Errungenschaften von Rollins, Coltrane, Coleman, Taylor und anderen – ohne dogmatische Strenge, dafür mit unbändiger Lebendigkeit, Freiheit und emotionalem Risiko.
Die 2025er Neuauflage auf “Time Traveler Recordings” setzt diesem Meisterwerk ein audiophiles Denkmal. Das 180g-Vinyl, remastered direkt von den Originalbändern durch Matthew Luthhans im “Mastering Lab”, klingt klar, lebendig und kraftvoll. Jede Nuance der Schlagzeugdynamik ist spürbar, die Instrumente stehen organisch im Raum, das Publikum wird hörbar Teil des Geschehens. Die Pressung bei “Optimal Media” liefert dafür eine saubere, leise Oberfläche ohne Störungen. Die Tip-On-Hülle mit Linernotes von Shannon J. Effinger und Barney Fields sowie einem seltenen Foto von Raymond Ross rundet die Edition ab. Das Hören wird zu einem intensiven Erlebnis – man fühlt sich mitten im Feuer eines Quintetts, das Jazz neu definiert.
´The Free Slave´ ist mehr als ein Live-Album: Es ist eine Ode an die Freiheit, der Interaktion, der Leidenschaft und des riskanten Spiels, das Jazz ausmacht. Ein flüchtiger Dialog zwischen Musikern, Publikum und Zeit – einmalig, intensiv und unvergesslich.
(Klassiker)
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Roy Brooks – Schlagzeug
Woody Shaw – Trompete
George Coleman – Tenorsaxophon
Hugh Lawson – Klavier
Cecil McBee – Bass



