
LAZULI – Être Et Ne Plus Être
2026 (L´abeille Rode/Just For Kicks Music) - Stil: Artrock
Mit ´Être Et Ne Plus Être´ legen LAZULI ihr zwölftes Studioalbum vor und zeigen einmal mehr, wie eigenständig Progressive Rock im Jahr 2026 klingen kann, wenn er sich nicht an Trends klammert, sondern aus inniger Überzeugung und Liebe entsteht.
Die Band aus der Region Nîmes verbindet poetischen Chanson, artrockige Dramaturgie und eine feine Dosis World Music zu einer Klangwelt, die sofort als LAZULI erkennbar ist. Claude Leonetti prägt mit seiner Léode einen schillernden, metallisch singenden Ton, Arnaud Beyney setzt mit E- und Akustikgitarre klare Akzente, Romain Thorel färbt das Geschehen mit Klavier, Keyboards und Horn, Vincent Barnavol treibt mit Schlagzeug, Marimba und Percussion voran, und Dominique Leonetti führt mit seiner hellen, präzisen Stimme durch die zwölf Kapitel dieses Albums.
Der Titelsong ´Être Ou Ne Pas Être´ beginnt mit schlichtem Klavier. Dominique Leonetti singt klar und konzentriert, fast zerbrechlich. Die Bilder der Lyrics – schmelzendes Eis, eine brüchige Scholle, junge Menschen ohne Kompass – treffen direkt. Dann steigert sich das Stück hörbar. Die Saiten wirbeln, die Léode glüht, das Schlagzeug greift entschlossener ein. Wenn die Band schließlich geschlossen aufwallt, bekommt der Refrain eine epische Wucht. „Je nous ai vus disparaître, être et ne plus être“ wirkt wie ein kollektives Eingeständnis, dass Größenwahn und Gleichgültigkeit nicht folgenlos bleiben.
´Chaque Jour Que Soleil Fait´ setzt zunächst behutsam an und wächst langsam in eine hymnische Steigerung. Das Horn von Romain Thorel singt die Melodie mit, die Léode legt helle Akzente darüber. Inhaltlich ist es eine Liebeserklärung, kompromisslos und treu: „Marcher dans tes pas… brûler mon vaisseau pour tes mondes nouveaux.“ Die Musik zieht an, wird dramatischer, ohne je ins Bombastische zu kippen. Am Ende steht eine elektrisierende Melodie, die live sofort zündet.
Mit ´Sourire´ schlagen LAZULI einen anderen Ton an. Ukulele zum Auftakt, eine old-school gefärbte melodische Gitarre von Arnaud Beyney, ein federnder Rhythmus. Der Text ist bitter und ironisch zugleich: lächeln vor dem Bankrott, lächeln vor dem Henker, lächeln, während alles zerfällt. Das Stück swingt leicht, trägt aber einen sarkastischen Unterton. Gegen Schluss singen die Saiten knackig auf, fast wie ein augenzwinkernder Kommentar zur eigenen Unbeugsamkeit.
´Matière Première´ kommt langsamer, getragen von metallophonartigen Klängen. Dominique Leonetti singt ruhig, fast beschwörend. Die Aufzählung „Chair à canons, chair à monnaies…“ trifft hart. Der Song brodelt unter der Oberfläche, steigert sich jedoch nie ins Pathos. Er wirkt wie eine eindringliche Bestandsaufnahme einer Welt, in der der Mensch zur Ware geworden ist.
Mit ´L’Eau Qui Dort´ folgt eines der längeren Prog-Epen. Die akustische Gitarre eröffnet, sanfte Orgelklänge schimmern, doch bald setzt ein großer, eingängiger Refrain ein. Claude Leonetti spielt sogar noch ein ausdrucksstarkes Léode-Solo, das sich geschmeidig durch die Harmonien windet. „Nous sommes des rivières, nous sommes l’eau qui dort“ wird zur zentralen Zeile. Das Stück verbindet hymnische Passagen mit ruhigen Zwischenmomenten und endet in einer kraftvollen Steigerung.
´Une Chanson Cherokee´ beginnt ebenfalls akustisch. Klavier und Gitarre tragen eine eingängige Melodie, die im Refrain weit aufblüht. Die Lyrics erzählen von einem Schiff, das vermeintlich nach Indien segelt und in einer anderen Welt landet – eine poetische Reflexion über verfehlte Träume und verbrannte Ideale. Wenn im Refrain die Saiten gemeinsam singen, entsteht ein warmer, fast folkiger Klang, der dennoch den prog-typischen Anspruch wahrt.
´Quel Dommage´ startet mit markanten Klavieranschlägen, fast wie aus einer alten Vinylaufnahme, deren Knistern bewusst hörbar bleibt. Der Refrain reduziert sich auf zwei Worte, die dramatisch in die Höhe getrieben werden. Inhaltlich ist es ein Abgesang auf das, „de l’océan bleu que nous fûmes“, auf verlorene Freundschaften und versiegende Erinnerungen. Am Ende singen Stimme und Gitarre wortlos mit, als wollten sie das Unausgesprochene weitertragen.
´L’Instinct´ ist die intimste Ballade des Albums. Nur Gesang und Akustikgitarre. Dominique Leonetti erzählt von einem flüchtigen Moment, der nicht festzuhalten war. „Rien ne dure et pourtant…“ Diese Reduzierung der Instrumente verleiht dem Stück eine große Intensität. Jede Zeile wirkt persönlich.
´L’Homme Sûr´ baut sich langsam auf. Ein großer, melodischer Refrain, leicht melancholisch, lädt zum Mitsingen ein. Der Text beschreibt einen Mann ohne Heldenpose, der dennoch seinen Weg geht. Arnaud Beyney glänzt mit einem perlenden Solo, später folgt ein jubilierendes, ausgedehntes Finale auf der E-Gitarre, das dem Song eine rockige Schärfe verleiht.
Mit ´Mon Body Se Meurt´ wird es rhythmischer und direkter. Ein mächtiger Bass, ein aufkochender Groove, der Refrain ruhiger, fast selbstironisch. Die Lyrics sind bissig und humorvoll, eine Abrechnung mit Überfluss, Bequemlichkeit und Selbsttäuschung. Zwischen Rock-Song und satirischem Chanson entwickelt sich ein Stück, das live für Bewegung sorgen dürfte.
´Les 4 Raisons´ wirkt wie ein tänzerisches Intermezzo. Klaviergeführt, leicht und melodisch, spielt der Titel mit dem Wortspiel aus „raisons“ und „saisons“. Sommer, Herbst, Winter, Frühling werden musikalisch angedeutet, fast orchestral eingefärbt, ohne den Kern der Band aus den Augen zu verlieren.
Den Abschluss bildet ´Au Bord Du Précipice´, ein knapp neunminütiges Finale. Die Marimba setzt Akzente, der Refrain ist gefühlvoll, fast hymnisch. Der Text schildert das Bild eines Menschen am Rand des Abgrunds, zwischen Zweifel und Sehnsucht. Gegen Ende greifen die Saiten kraftvoll ein, die Gitarren jaulen, das Schlagzeug treibt energisch voran. Das Stück wächst zu einem vielschichtigen Prog-Epos, bevor es sich in einem ruhigen Ausklang sammelt.
´Être Et Ne Plus Être´ zeigt LAZULI in großer Form. Die Musik wirkt zugänglicher als auf manchen früheren Werken, zugleich detailreich und vielschichtig. Die Verbindung aus poetischer Sprache, klaren Melodien und dem unverwechselbaren Klang der Léode verleiht ´Être Et Ne Plus Être´ ein eigenes Profil im aktuellen Progressive Rock. Es ist ein Album, das sich Zeit nimmt, das große Themen verhandelt und dennoch nahbar bleibt. Ein starkes, geschlossenes Werk einer Band, die ihren Weg gefunden hat und ihn konsequent weitergeht.
(9 Punkte)



