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CLIVE NOLAN – The Mortal Light

2026 (Crime Records & We Låve Rock) - Stil: Rock Musical

Clive Nolan denkt in großen Maßstäben. Seit Jahrzehnten prägt er mit PENDRAGON, ARENA, SHADOWLAND, STRANGERS ON A TRAIN und CAAMORA den britischen Progressive Rock, komponiert, produziert, steht selbst auf der Bühne. Mit ´The Mortal Light´ führt er seine „Alchemy“-Saga nun in die dritte Runde – und legt ein Werk vor, das in Umfang, Besetzung und erzählerischer Wucht selbst für seine Maßstäbe außergewöhnlich ausfällt.

Vier CDs, drei umfangreiche Booklets, zwei Akte, eine Spielzeit von weit über zwei Stunden. Zwölf Hauptrollen, ein 32-stimmiger Chor, zahlreiche Gastauftritte. Clive Nolan übernimmt erneut Professor Samuel King, an seiner Seite Gemma Ashley als Eva Bonaduce, Robbie Gardner als Tom Worthy, Andy Sears als Lord Henry Jagman, Laura Liazzai als Makaria und viele weitere markante Stimmen. Musikalisch getragen wird das Ganze von Clive Nolan an Keyboards und Orchestration, Scott Higham am Schlagzeug, Arnfinn Isaksen am Bass und Mirko Sangrigoli an der Gitarre.

Die Handlung knüpft direkt an ´Alchemy´ und ´King’s Ransom´ an. Professor King reist nach Norwegen, wo die Halbgöttin Makaria im abgelegenen Hamningberg ihre Macht ausbaut. Hinter ihr steht der Geheimbund Witan, im Hintergrund schwebt eine uralte Prophezeiung. Der Titel bezieht sich auf ein Artefakt, das „Mortal Light“, das Makarias Unsterblichkeit brechen könnte.

Clive Nolan verlegt die Geschichte in sein vertrautes Steampunk-Universum aus viktorianischem London, okkulten Zirkeln, dampfgetriebenen Maschinen und nordischen Mythen. Tunnel unter der Metropole, sturmgepeitschte Häfen, das Land der Toten, Hexenprozesse in Vardø und eine düstere Festung im hohen Norden – das Skript ist bildstark, klar geführt, ohne unnötige Nebenpfade.

Act 1

´Wedding´ eröffnet das Werk festlich und hymnisch mit Chor. William Gardelie und Dr. Josephine Kendrick treten vor den Altar, das Ensemble singt im Wechsel zwischen solistischen Zeilen und mehrstimmigem Jubel. Die Szene wirkt leicht, beinahe verspielt, doch unter der Oberfläche kündigt sich bereits Unheil an.

Die ´Overture´ bündelt zentrale Motive, dann schlägt ´Demigod´ einen dunkleren Ton an. Tiefe Keyboards, getragene Rhythmen, ein chorales Leitmotiv für Makaria. Laura Liazzai verleiht der Figur mit kühler Autorität Kontur, ihre Stimme schneidet durch das orchestrale Fundament.

In ´Prophecy´ tritt Father Caleb auf. Ryan Morgan singt mit klarer, fester Höhe, das Arrangement mischt sakrale Anklänge mit rockiger Erdung. Hier wird das „Mortal Light“ eingeführt, getragen von feierlichen Akkorden und einem markanten Refrain.

Mit ´Magician´ und ´Decisions´ nimmt das Stück Fahrt auf. Dialogpassagen wechseln in schnelle Ensemble-Parts, die Musik wird komplexer, rhythmisch vertrackt, mit treibenden Gitarrenfiguren. In ´Cavalry´ setzt Chris Lewis als Edwin Deeks ein Zeichen: warmer Orgelklang, steigende Melodiebögen, ein Refrain, der sich sofort festsetzt.

Der Gang ins Purgatorium gehört zu den stärksten Abschnitten des ersten Akts. ´Fade´ arbeitet mit schweren Drums, dunklen Chorstimmen und schleppendem Tempo. Professor King sucht Lord Henry Jagman. Andy Sears kehrt als zwielichtiger Antagonist zurück, sein Timbre bleibt scharf, leicht spöttisch, mit unterschwelliger Bedrohung.

´Escape´ bringt Bewegung ins Geschehen, ein schneller Rock-Song mit markantem Riff und drängendem Beat. ´Guardians´ öffnet sich zu großen Chorsätze und in einem hymnischen Mittelteil. Der erste Akt endet mit ´Makaria´, einem epischen Finale, in dem Laura Liazzai ihre Figur in voller Größe zeigt. Majestätische Keyboards, metallische Gitarrenakzente, ein Refrain wie ein Schwur.

Act 2

´Port´ führt nach Norwegen. Rhythmisch federnd, mit leicht folkloristischer Färbung. ´Spy´ bringt Spannung in kurzen, prägnanten Phrasen, ´Thunder´ arbeitet mit treibendem Schlagzeug und dichter Gitarrenarbeit.

´Witch´ gehört zu den atmosphärischsten Nummern. Cembaloartige Keyboards, erzählende Passagen über die Hexenprozesse von Vardø, ein dramatischer Aufbau bis zum choralen Höhepunkt. Hier verschmelzen Theater und Prog Rock auf engstem Raum.

Mit ´Portal´ und ´Wings´ wird das Tempo wieder angezogen. ´Wings´ gibt Christine Ekeberg als Alice Hyde eine leichtere, beinahe tänzerische Szene, bevor das Geschehen in Richtung Festung kippt. ´Seduction´ zeigt Makaria von einer anderen Seite: verführerisch, schmeichelnd und begleitet von schimmernden Harmonien.

Das Finale mit ´Siege´, ´Trust´, ´Convergence´ und ´Explosion´ ist kompakt und direkt. Gitarrenriffs, dramatische Choreinsätze, schnelle Szenenwechsel. In ´Explosion´ bricht die Festung in donnernden Drums und orchestralen Clustern zusammen. Jagman bleibt zurück, die Toten holen ihn. Ein bitterer, aber konsequenter Abschluss.

´Sunset´ beschließt das Werk leise. Sanfte Harfenklänge, zurückgenommene Gitarre, ein Moment der Ruhe. Doch die letzte Wendung deutet bereits auf neue Gefahren hin.

Das letzte Kapitel?

Stilistisch verbindet ´The Mortal Light´ klassischen britischen Musical-Charme mit symphonischem Progressive Rock. Orchestrale Passagen stehen neben rockigen Riff-Momenten, hymnische Chöre neben intimen Dialog-Szenen. Immer wieder blitzen Reminiszenzen an frühere „Alchemy“-Motive auf, geschickt variiert und neu kontextualisiert.

Clive Nolans Keyboardarbeit ist das Zentrum des Geschehens. Er wechselt zwischen Orgel, Piano, orchestralen Flächen und barock anmutenden Figuren. Mirko Sangrigoli setzt gezielte Soli, Scott Higham spielt dynamisch, oft mit druckvollen Fills, Arnfinn Isaksen hält das Fundament stabil.

Produktionell ist das Set bemerkenswert transparent. Trotz der Vielzahl an Stimmen und Effekten bleibt jede Rolle klar verständlich. Die Mischung stellt den Gesang konsequent in den Vordergrund, ohne die instrumentale Detailarbeit zu verwischen.

Die 4-CD-Box bietet neben den beiden Akten zusätzliche Instrumental- und Vokalversionen sowie Demos. Die drei Booklets liefern Skript, Hintergrundinformationen und Einblicke in die Entstehung. Man spürt den langen Produktionsprozess, die vier Jahre Arbeit, die Koordination dutzender Beteiligter.

´The Mortal Light´ ist kein Experiment am Rande. Es ist ein großes, durchkomponiertes Rock-Musical, das episch erzählt, klar strukturiert bleibt und musikalisch auf hohem Niveau agiert. Clive Nolan führt seine „Alchemy“-Reihe mit sicherer Hand weiter und schafft ein Werk, das auf der Bühne ebenso funktionieren dürfte wie im heimischen Hörraum.

Ein monumentales Kapitel im Kosmos von Professor Samuel King. Und vielleicht noch nicht das letzte.

(8,5 Punkte)

https://www.facebook.com/clive.nolan.7

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