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CHUCK BERRY – Berry Is On Top

1959/2026 (Chess Records/Acoustic Sounds Series) - Stil: Rock’n’Roll

Als ´Berry Is On Top´ im Sommer 1959 erscheint, steht Chuck Berry auf dem Höhepunkt seiner Kreativität, mit einem Repertoire, das Rock’n’Roll schon in dieser frühen Phase neu definierte. Doch das Album ist keine klassische Studioarbeit, sondern eine Mischung von Songs, die erzählen, provozieren, unterhalten und dabei eine Gitarre einsetzen, die den Rhythmus der kommenden Jahrzehnte vorgibt. Chuck Berry bündelt Singles, die innerhalb weniger Jahre sein neues musikalisches Vokabular prägten, voller Energie, Spielfreude und unerschütterlicher Selbstsicherheit. Diese Musik wirkt bis heute, weil sie direkt auf den Punkt kommt, den Hörer packt und in die Welt eines Rock’n’Roll-Pioniers zieht.

Das Cover von ´Berry Is On Top´ ist ebenso schlicht wie clever. Vor gelb-rotem Hintergrund zeigt es einen Eisbecher mit Erdbeeren und Sahne – ein visuelles Wortspiel, das gleich doppelt funktioniert. „Berry“ verweist auf den Künstlernamen, „on top“ auf die Sahnehaube und zugleich auf Chuck Berrys Stellung im Jahr 1959. Ohne Pose, ohne Rockstar-Gehabe bringt das Motiv auf den Punkt, was diese Platte behauptet: Chuck Berry steht ganz oben. Gerade in seiner Zurückhaltung wurde das Cover ikonisch und passt perfekt zu einem Album, dessen Selbstbewusstsein sich aus den Songs speist, nicht aus Gesten.

´Almost Grown´ startet das Album mit einem klassischen Midtempo-Rocker, der den jugendlichen Alltag feiert und gleichzeitig Chuck Berrys Talent als Erzähler zeigt. Im Hintergrund singen zwei zukünftige Legenden: Etta James und ein junger Marvin Gaye, die hier eine ihrer ersten Studioaufnahmen liefern. Chuck Berry schildert, wie ein Junge zwischen Schule, Arbeit und ersten romantischen Erfahrungen navigiert, während Johnnie Johnsons rollendes Klavier die Szene lebendig macht. Der Song ist verspielt, rhythmisch präzise und zugleich unglaublich charmant – eine Mischung aus Storytelling und treibendem Rock’n’Roll, die Chuck Berrys brillante Fähigkeit zeigt, alltägliche Situationen in Musik zu verwandeln.

Mit ´Carol´ liefert Chuck Berry eine energiegeladene Rock’n’Roll-Liebeserklärung. Das Gitarren-Intro ist messerscharf, Johnnie Johnsons Boogie-Woogie-Klavier treibt den Track unaufhaltsam voran, derweil Chuck Berry die jugendliche Sehnsucht eines tanzenden Mädchens erzählt. ´Carol´ wurde zum Favoriten der BEATLES und zeigt, wie Chuck Berrys Riffs Generationen von Gitarristen beeinflussten. Der Song ist unheimlich lebendig und gleichzeitig stringent, eine perfekte Verschmelzung von Geschichte, Rhythmus und unbändiger Spielfreude.

´Maybellene´ markiert Chuck Berrys allerersten großen Hit. Ursprünglich war es ein Country-Song namens ´Ida Red´, den Chuck Berry auf Anraten von Muddy Waters zu einem Rock’n’Roll-Statement machte. Das berühmte Gitarren-Riff stammt von Carl Hogans Klavierlicks, umgearbeitet auf die Gitarre, während der Name „Maybellene“ aus einer Mascara-Dose im Studio inspiriert wurde. Chuck Berry erzählt eine Verfolgungsjagd auf der Straße, und das Tempo, die Dramatik und der treibende Rhythmus machen den Song zu einem der ersten echten Rock’n’Roll-Klassiker.

´Sweet Little Rock & Roller´ ist Chuck Berrys Hymne an die begeisterten Jugendlichen der späten 50er Jahre. Die Protagonistin stürmt jedes Konzert, tanzt unaufhörlich, und Chuck Berry fängt ihre Energie mit einem stampfenden Midtempo-Rhythmus ein. Johnnie Johnsons Klavier führt, Chuck Berrys Gitarre kommentiert und verstärkt jede Bewegung, jeder Beat wirkt wie eine Szene aus einem Kinofilm der Jugendkultur. Der Song inspirierte zahlreiche spätere Coverversionen.

´Anthony Boy´ schildert den Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn. Chuck Berry setzt seinen typischen stakkatoartigen Gesang ein, um die Hektik des Jungen zu vermitteln, der zwischen Arbeit, Schule und ersten Träumen hin- und hergerissen ist. Das Midtempo im Sinne eines Volksmusik-Schunklers, das rollende Klavier von Johnnie Johnson und Chuck Berrys präzise Gitarrenlinien machen den Song zu einem kompakten, rhythmisch geschärften Stück Rock’n’Roll-Poesie.

Mit ´Johnny B. Goode´ liefert Chuck Berry seine unangefochtene Rock-Hymne. Autobiografisch angelegt – der Name Goode stammt von seiner Heimatstraße in St. Louis – erzählt der Song die Geschichte eines jungen Gitarristen, der durch Talent und Fleiß aus der Provinz in die Musikwelt aufsteigt. Ursprünglich hieß es „that little colored boy could play“, geändert auf „country boy“, um Airplay auf weißen Radiostationen zu sichern. Das Intro-Riff ist ikonisch, der Vorwärtsdrang ungebrochen, und jeder Akkord der Gitarre pulsiert wie ein Manifest des Rock-’n’-Roll.

´Little Queenie´ entfaltet einen fast schleppenden Beat, der die Spannung von Teenager-Partys und aufkeimender Aufregung spürbar macht. Lafayette Leakes Klavier rollt durch den Raum, während Chuck Berry die Szene präzise skizziert. Der Song wurde von den ROLLING STONES geliebt und auf ihren Live-Shows jahrelang zelebriert. Chuck Berry performte ihn 1959 auch im Film “Go, Johnny, Go!”, wodurch er seinen Teenie-Idol-Status zementierte.

´Jo Jo Gunne´ basiert auf der afroamerikanischen Trickster-Figur „Signifying Monkey“ und verbindet Chuck Berrys Rock’n’Roll mit folkloristischer Erzähltradition. Der Song ist verspielt, narrative Passagen wechseln sich mit treibenden Gitarrenriffs ab, und Chuck Berrys Stimme balanciert Humor und musikalische Präzision meisterhaft.

´Around And Around´ zeigt Chuck Berrys Humor und Beobachtungsgabe. Eine Hausparty gerät außer Kontrolle, die Polizei taucht auf – doch selbst die Beamten tanzen. Treibendes, kreisförmiges Riff, kein klassischer Refrain, nur hypnotischer Groove. Die ROLLING STONES und DAVID BOWIE entdeckten früh diesen Track für sich, was seinen Einfluss auf kommende Rockgenerationen unterstreicht.

´Roll Over Beethoven´ ist Chuck Berrys musikalische Kampfansage an die intellektuelle Kultur. Aus Frust über seine Schwester Lucy, die das Familienklavier mit klassischer Musik blockierte, komponierte er den Song als direkte Provokation. Das Tempo ist federnd, die Gitarre klar artikuliert, der Rhythmus treibt mit unbändigem Elan, und die Melodie bleibt unmittelbar im Gedächtnis.

´Hey Pedro´ fügt humorvolle Exotik ins Album ein. Mit lateinamerikanischen Rhythmen und komödiantischem Gesang antwortet Chuck Berry auf den wilden Stil von Little Richard, dabei bleibt die Komposition melodisch und leichtfüßig, ein Beispiel für Chuck Berrys variantenreiche musikalische Ideen.

Das Instrumental ´Blues For Hawaiians´ bildet den ruhigen Abschluss. Statt Riffs bietet Chuck Berry jazzige, fast meditative Gitarrenlinien, inspiriert von Charlie Christian. Die Südsee-Ästhetik der späten 50er spiegelt sich in jedem Ton, das Stück gibt dem Album einen entspannten, reflektierenden Raum, bevor die Nadel wieder auf Anfang gesetzt wird.

Die LP erschien zu einem Zeitpunkt, der Chuck Berrys Leben und Karriere dramatisch überschattete. Kurz nach dem Release geriet er in den Mann-Act-Skandal. Er wurde vor Gericht angeklagt, ein 14-jähriges Mädchen über die Staatsgrenze transportiert zu haben, um sie in seinem Club in St. Louis arbeiten zu lassen. Der erste Prozess war von rassistischen Vorurteilen des Richters geprägt und brachte ihm eine fünfjährige Haftstrafe ein. Sie wurde später auf anderthalb Jahre reduziert. Während ´Berry Is On Top´ in den Charts explodierte und Jugendliche weltweit seine Songs feierten, saß Chuck Berry vor Gericht und später im Gefängnis. Die Ironie war frappierend. In genau dieser Phase starteten die BEATLES und die ROLLING STONES die British Invasion – alle stützten sich auf Chuck Berrys Musik. Als er zurückkehrte, war er dank dieser Bands bekannter als je zuvor.

Die aktuelle Neuauflage in der „Chess Records 75“-Series macht all diese Details hörbar. Von Matthew Lutthans bei „The Mastering Lab“ direkt von den originalen Chess-Bändern geschnitten und bei „Quality Record Pressings“ auf 180g-Vinyl gepresst, überzeugt diese Edition mit ruhigem Lauf, und einer Ausstrahlung, die die Energie dieser Aufnahmen wahrnehmbar macht. Das ikonische Cover auf dem glänzenden Gatefold-Cover ergänzt das Gesamtbild auf haptischer Ebene. Dieses Album bildet das Fundament des Rock’n’Roll, ein Lehrstück in Spielfreude, Timing und Erzählkunst, das über sechzig Jahre später nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/ChuckBerry

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