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GEESE – Getting Killed

2025 (Partisan) - Stil: Indie Rock/Experimenteller Art Rock

Die New Yorker Band GEESE präsentiert mit ihrem dritten Studioalbum ´Getting Killed´ eine Platte, die tief in der Rockgeschichte verwurzelt ist und gleichzeitig jede Erwartung sprengt. Cameron Winter, Emily Green, Dominic DiGesu und Max Bassin verbinden Blues, Funk, Garage und New Wave-Nervosität zu einer eigenen Sprache. Sie rocken, zerren, treiben an und fangen wieder ein – immer mit Gespür für Groove, Wiederholung und kontrolliertes Chaos.

Aufgenommen im Januar 2025 im “Putnam Hill Studio” in Los Angeles gemeinsam mit Produzent Kenneth Blume, klingt ´Getting Killed´ roh, direkt und außergewöhnlich. Schlagzeug und Bass tragen die Stücke, während die Gitarren zwischen spitzen Akzenten und längeren, getragenen Passagen wechseln. Das Album vermittelt den Eindruck einer Band, die alles gemeinsam gestaltet und live im Moment aufnimmt. Die Songs entwickeln sich aus längeren Spielphasen, Motive werden aufgebaut, verschoben und neu kombiniert. Energie- und Stimmungswechsel entstehen direkt aus dem Zusammenspiel der Musiker und machen das Album lebendig.

Cameron Winter nutzt seine Stimme mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit. Mal singt er in einem fast klassischen Crooner-Ton, mal wechselt er in sprechende Passagen oder schneidende Ausrufe – oft innerhalb einer einzigen Strophe. Gerade in ruhigeren Momenten, wenn er die Stimme hebt oder zurücknimmt, drängen sich Vergleiche zu Thom Yorke (RADIOHEAD) oder Julian Casablancas (THE STROKES) auf, ohne dass daraus eine Nachahmung wird. Emily Green gestaltet die Gitarrenarbeit als strukturgebende Kraft. Ihre Figuren greifen ineinander, werden wiederholt, leicht verändert und manchmal mit Effekten verfremdet. Dabei sind Anklänge an die New Yorker Post Punk-Schule á la Tom Verlaine (TELEVISION) hörbar, zugleich öffnet sich ihr Spiel in experimentelle Richtungen, die an Jonny Greenwoods (RADIOHEAD) Umgang mit Klang erinnern.

Der Einstieg ´Trinidad´ klingt wie Funk-Rock auf Anschlag. Ein hart arbeitender Bass, ein gnadenlos vorwärtsdrängendes Schlagzeug, Gitarren, die mal sägen, mal kreischen, dazu Cameron Winters manischer Ausruf „There’s a bomb in my car“, der sich festbeißt und nicht mehr loslässt. ´Cobra´ verändert das Bild sofort. Der Song groovt lässig, fast süßlich, mit warmen Gitarren und der Melodie „Baby, let me dance away forever“, die an Sechziger-Soul und frühen Classic Rock erinnert, jedoch jederzeit bereit ist, aus der Spur zu springen.

´Husbands´ lebt von einem strengen Beat, der stoisch läuft, während die Gitarren darüber funkeln und sich ein Refrain aufbaut: „Will it wash your hair clean. When your husbands all die?“, der wie ein schiefer Stadionmoment wirkt. ´Getting Killed´ selbst verbindet bluesige Gitarrenfiguren mit wuchtigem Rhythmus, schichtet Stimmen und Sounds übereinander und steigert sich zu einem Zustand, der gleichzeitig euphorisch und nervös wirkt. Hier treffen rollende Stones-Riffs auf artrockige Übersteuerung.

´Islands Of Men´ breitet sich schwer nach vorne aus, getragen von einem tief sitzenden Basslauf, während die Gitarren langsam größer werden und sich die Zeile „running away“ wie ein Mantra einprägt. ´100 Horses´ wirkt sodann wie ein marschierender Funk Rock-Brocken, schnell, laut, insistierend, mit einem Schlagzeugspiel, das keine Pause kennt: „All people. In times of war“. ´Half Real´ klingt wie eine kaputte Kneipenpredigt, roh, mit einem Gesang, der jede Zeile betont, als stünde sie kurz vor dem Zerreißen.

Mit ´Au Pays Du Cocaine´ zeigen GEESE ihre melodische Seite. Der Song schaukelt ruhig, fast zärtlich, mit sanften Akkorden und der Stimme, die plötzlich Nähe zulässt: „Like a sailor in a big green boat“. ´Bow Down´ reißt alles wieder auf, mit nervösen Gitarrenhieben und einem Rhythmus, der sich verheddert und neu ordnet, während es in der Zeile „To bow down, down, down, down to Maria’s bones“ kulminiert.

´Taxes´ öffnet sich zu einem massiven Rockmoment, der hängen bleibt, scharf, ohne gefällig zu sein. Der Abschluss ´Long Island City Here I Come´ ist hingegen ein ausgedehnter Trip durch hektische Rhythmen, sprechenden Gesang und aufgeschichtete Gitarren, als würde die Band ein fahrendes Auto musikalisch zerlegen, während es noch rollt. Nichts kommt zur Ruhe, alles bleibt in Bewegung bis zum letzten Ton.

´Getting Killed´ ist Rockmusik, die mit Rhythmus, Energie und unvorhersehbaren Momenten spielt – laut, direkt und ungezähmt. Funk, Blues, Garage Rock, Art Rock und Classic Rock-Gesten greifen ineinander, ohne sich je auf einen Stil festzulegen. GEESE spielen kompromisslos, mit Songs, die von wiederkehrenden Motiven und der unmittelbaren Kraft der Band leben, statt von klassischen Harmoniewechseln. Ein Album, das zeigt, wie lebendig und gefährlich Rockmusik im Jahr 2025 noch klingen kann.

(9 Punkte)

PS: Wer BLACK MIDI, SQUID und BLACK COUNTRY, NEW ROAD oder gar das Soloalbum ´Heavy Metal´ von Sänger Cameron Winter schätzt, sollte unbedingt einen Blick auf GEESE werfen. Sie sind aktuell die wichtigste US-Band auf dieser experimentellen, hochkomplexen Rock-Schiene und behalten dank Cameron Winters markanter Stimme eine ganz eigene, fast schon „soulige“ Note.

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