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ANDREW HILL – Judgement!

1964/2025 (Blue Note) - Stil: Jazz

´Judgement!´ entstand 1964 in einer Phase höchster Produktivität für Andrew Hill, nur zwei Monate nach ´Black Fire´ und zwei Monate vor ´Point Of Departure´. In dieser besonders intensiven Schaffenszeit dokumentiert das Album Hills künstlerische Vision in einer klaren, konzentrierten Quartettbesetzung. Er wird dabei von Bobby Hutcherson am Vibraphon, Richard Davis am Bass und Elvin Jones am Schlagzeug begleitet. Deren Interaktion macht das Album zu einem Meilenstein des Post Bop.

Andrew Hill hatte zuvor als Pianist für Dinah Washington, Roland Kirk, Johnny Hartman und Al Hibbler gearbeitet. Mit der Zeit war er zu einem Musiker herangereift, der komplexe Harmonien, unregelmäßige Taktarten und überraschende rhythmische Wendungen souverän in seine Kompositionen einband. Alfred Lion erkannte seine Einzigartigkeit und dokumentierte seine Musik mit seltener Leidenschaft, sodass Hill zwischen 1963 und 1970 ein Dutzend Alben als Bandleader bei “Blue Note” aufnehmen konnte, allesamt mit eigenen Kompositionen.

´Siete Ocho´ eröffnet das Album mit einer markanten Figur im 7/8-Takt, in der Andrew Hill ein wiederkehrendes Motiv wie einen Leitfaden durch das Stück webt. Bobby Hutcherson setzt perlende Vibraphonlinien darüber, die spielerisch zwischen Harmonie und Melodie pendeln. Richard Davis ergänzt mit flexiblen Bassbögen, die die harmonische Struktur stützen und gleichzeitig überraschende Wendungen einfügen, während Elvin Jones punktuelle Akzente setzt, die den ungewöhnlichen Takt lebendig werden lassen. Die Spannung des Stücks entsteht durch das fein austarierte Zusammenspiel aller Musiker.

´Flea Flop´ wirkt sprunghaft und energiegeladen. Andrew Hill legt eine kantige, rhythmisch versetzte Begleitung unter Bobby Hutchersons ausgiebige und geschmeidige Soli, Richard Davis hält die Basslinien präzise und bewegt sie zugleich durch harmonische Felder, und Elvin Jones unterstreicht jede Wendung mit federnden, akzentuierten Schlägen. Die Musik wirkt schelmisch und charmant, der Name des Stücks wird sofort hörbar, während die Gruppe jede Wendung exakt interpretiert.

´Yokada Yokada´ erinnert an einen 12-bar B Flat Blues und entfaltet eine Balance zwischen melodischer Klarheit und harmonischer Raffinesse. Andrew Hill beackert die Akkorde, Bobby Hutcherson kontrastiert mit markanten Vibraphonfiguren, Richard Davis reagiert flexibel auf jede Wendung, und Elvin Jones liefert punktuelle Akzente, die den Fluss des Stücks stabil halten, sowie ein Solo. Das Stück wirkt kommunikativ, unmittelbar und von einer spürbaren Energie getragen.

Mit ´Alfred´ wendet sich Hill einer sanften Ballade zu, gewidmet dem Produzenten Alfred Lion. Andrew Hill spielt klare, lyrische Linien, Bobby Hutcherson ergänzt sanfte vibrierende Akzente, Richard Davis hält die Basslinie charakteristisch im Vordergrund, während Elvin Jones sich dezent zurücknimmt, sodass die Intimität des Stücks hörbar wird. Die Musik entwickelt ein stilles Gespräch zwischen den Instrumenten, weich und aufmerksam, ohne an Intensität zu verlieren.

Der Titeltrack ´Judgement´ entfaltet eine komplexe, fokussierte Energie. Andrew Hill webt harmonische Überraschungen und rhythmische Verschiebungen, Bobby Hutcherson antwortet mit flüssigen, provokativen Linien, Richard Davis hält das Fundament stabil und zugleich flexibel, und Elvin Jones setzt präzise Akzente, die das Stück schärfen und gleichzeitig zusammenhalten. Jede Wendung wirkt durchdacht und spontan, das Stück erhält dadurch eine klare, eigenständige Dramaturgie.

´Reconciliation´, der abschließende Track, bündelt noch einmal die gesamte Intensität des Quartetts. Andrew Hill variiert Melodien und Akkorde, Bobby Hutcherson ergänzt vibrierende Farbtöne, Richard Davis reagiert agil auf jede Wendung, und Elvin Jones liefert ein rhythmisch bestimmendes Schlagzeugspiel, das die harmonische Stabilität hält. Der Abschluss vermittelt das in einem lockeren Gefühl, dass alle musikalischen Ideen der vorangegangenen Tracks in einem organischen Finale zusammenfließen.

Alle Stücke stammen aus der Feder von Andrew Hill und zeigen seine charakteristische Mischung aus rhythmischer Komplexität, harmonischer Raffinesse und emotionaler Intensität. Ohne Bläser, nur mit Piano, Vibraphon, Bass und Schlagzeug, entsteht ein klarer, offener Klang, reich an Überraschungen, der sowohl zugänglich als auch herausfordernd ist. Hutchersons Soli stehen Hill in Virtuosität und Kreativität in nichts nach, Davis’ Bassarbeit ist flexibel und voller feiner Wendungen, und Jones gestaltet die Rhythmik mit höchster Präzision. Das Quartett agiert auf Augenhöhe, reagiert unmittelbar aufeinander und schafft eine unverwechselbare Atmosphäre, die ´Judgement!´ zu einem Höhepunkt der “Blue Note”-Ära macht.

Die Aufnahme ist vollständig live im Studio entstanden, jede Note präzise gesetzt, jeder Rhythmus durchdacht, ohne die Komplexität der Musik zu kompromittieren. Die 2025er “Classic Vinyl”-Edition liefert den vollen Klang der Originalaufnahmen, mit Klarheit, Detailtreue und kontrollierter Dynamik. Mastering erfolgte durch Kevin Gray, Pressung bei “Optimal” auf 180g Vinyl im Single-Sleeve. Produziert wurde das Album dereinst von Alfred Lion für “Blue Note Records”. Die Edition ist sowohl für Sammler und Vinyl-Liebhaber als auch für alle, die Jazz in seiner anspruchsvollsten, gleichzeitig zugänglichen Form erleben möchten, ein Muss. ´Judgement!´ vereint technische Perfektion, emotionale Tiefe und spielerische Intelligenz zu einem unvergesslichen Erlebnis, das die musikalische Vision von Andrew Hill in all ihrer Kraft und Raffinesse dokumentiert.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/andrewhilljazz

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