
SHEILA JORDAN – Portrait Of Sheila
1962/2025 (Blue Note) - Stil: Jazz
Mit ´Portrait Of Sheila´ schuf Sheila Jordan 1962 ein Debüt, das bis heute als Meilenstein des Vokaljazz gilt. Alfred Lion, Gründer von “Blue Note”, hatte lange Zeit keine Sängerinnen auf seinem Label veröffentlicht, doch Sheila Jordan überzeugte ihn mit ihrer unvergleichlichen Stimme, die auf dem Album von einem Trio aus Gitarre, Bass und Schlagzeug getragen wird. Bereits die Eröffnung mit ´Falling In Love With Love´ setzt den Ton. Sheila Jordan gleitet mit kühler Eleganz durch Richard Rodgers’ Komposition, während Steve Swallow am Kontrabass die Melodie subtil reflektiert und Barry Galbraiths Gitarre jede Phrase sanft umspielt.
Sheila Jordan bringt eine Intimität in ihre Musik, die zugleich von einer unerschütterlichen Improvisationsfreude lebt. In ´Dat Dere´ entfaltet sich das Duo Sheila Jordan und Bassist Steve Swallow zu einem dialogischen Spiel, bei dem die Stimme wie ein Instrument wirkt und Humor und Leichtigkeit vermittelt. ´When The World Was Young´ öffnet eine kleine, verführerische Welt, die trotz europäischer Anklänge den Geist von New Yorks Jazzclubs der frühen 1960er Jahre atmet. ´Let’s Face The Music And Dance´ überrascht mit beinahe hektisch schneller Energie, während ´Laugh, Clown, Laugh´ Sheila Jordan in einer Mischung aus Zartheit und subtiler Dramatik erklingen lässt, die dem Stück eine eigene emotionale Tiefe verleiht.
Die Balladen, darunter ´I’m A Fool To Want You´ und ´Willow Weep For Me´, zeigen Sheila Jordan von ihrer verletzlichen, zugleich souveränen Seite. Ihre Phrasierung lässt jeden Text atmen, die Stimme wirkt glasklar und warm, und man spürt das innere Leben der Lieder. ´Baltimore Oriole´ und ´Hum Drum Blues´ demonstrieren ihr Gespür für Rhythmik und Swing, ihre Stimme schwingt mühelos zwischen Bass, Gitarre und Schlagzeug, ohne dass ein Instrument dominieren müsste. Denzil Best liefert dezente, präzise Akzente am Schlagzeug, während Barry Galbraith die Harmonie mit makelloser Zurückhaltung gestaltet.
Sheila Jordan verbindet Bebop, Cool Jazz und Vocalese zu einer unaufdringlichen, doch fesselnden Synthese. Charlie Parker, der sie als Besitzer „million-dollar ears“ bezeichnete, und andere führende Jazzmusiker zählten Sheila Jordan stets zu den wenigen authentischen Stimmen ihrer Generation. Dennoch blieb sie lange Zeit ungehört in der Fachpresse und nahm nur auf eigenen Bedingungen auf. Ihre Improvisationskunst, die ständige Suche nach dem Moment, machte sie sowohl faszinierend als auch gelegentlich schwer vermittelbar, aber sie setzte unermüdlich ihre Vision von Musik durch und brachte dabei stets eine unvergleichliche emotionale Tiefe ein.
Geboren 1928 in Detroit und aufgewachsen bei ihren Großeltern in Summerhill, Pennsylvania, sang sie schon als Kind, trat mit drei Jahren erstmals auf und entwickelte früh ein feines Gehör für Melodie und Rhythmus. In Detroit begann sie, sich intensiv mit der Musik von Billie Holiday und Charlie Parker auseinanderzusetzen, trainierte ihr Ohr an deren Aufnahmen und sang bald in lokalen Jazzclubs. In New York, wohin sie 1952 zog, trat sie bei Minton’s, im Page Three Club und bei Sessions mit Charlie Parker und Kenny Dorham auf. Trotz der Herausforderungen, Mutter zu sein und einen Nebenjob als Sekretärin auszuüben, blieb Sheila Jordan ihrem Stil treu und entwickelte die unverwechselbare Klangsprache, die ´Portrait Of Sheila´ prägt.
Die 2025 erschienene “Blue Note Tone Poet”-Edition hebt die klangliche Transparenz des Originals auf eine neue Ebene. Produziert von Joe Harley, vollständig analog von Kevin Gray von den Originalbändern remastert und auf 180g schwerem RTI-Vinyl gepresst, kommt das Album in einem stabilen Tip-on-Single Sleeve mit wattierter Innenhülle.
´Portrait Of Sheila´ bleibt nicht nur ein Zeugnis von Sheila Jordans frühem Genie, sondern auch ein Beweis dafür, wie Jazzvokal in seiner reinsten Form klingen kann – elegant, dynamisch und zutiefst menschlich. Es bleibt ein Meisterwerk, das jedes Detail der Musik lebt und die Seele des Hörers berührt. Sheila Jordan zeigt, dass wahre Kunst Geduld, Unabhängigkeit und kompromisslose Hingabe verlangt und dass sie in jedem Moment der Musik vollkommen authentisch sein kann.
Klassiker.



