
HATFIELD AND THE NORTH – The Rotters’ Club
1975/2025 (Music On Vinyl) - Stil: Progressive Rock, Canterbury Scene
Mit ´The Rotters’ Club´ entfalteten HATFIELD AND THE NORTH im Jahre 1975 ihr vollkommenes Potenzial. Sie schufen aufgrund ihrer technischen Fertigkeiten ein Werk, das aus der poetischen, unberechenbaren Schönheit der Canterbury-Szene herausragte. Phil Miller, der zuvor bei CARAVAN und MATCHING MOLE spielte, brachte seine geschmeidige, expressive Gitarre ein, während Pip Pyle, der Schlagzeuger von GONG, rhythmische Strukturen mit verspielter Leichtigkeit und zugleich großer Präzision lieferte. Richard Sinclair, charismatischer Bassist und Sänger von CARAVAN, verlieh den Kompositionen eine warme, klare Stimme, die mühelos zwischen Melancholie und schelmischer Ironie oszillierte. Dave Stewart, Keyboarder von EGG, füllte die Klangräume mit harmonischer Tiefe und subtiler Farbigkeit, die von Hammond-Organ, Fender Rhodes und MiniMoog getragen wurde. Zusammen formten sie eine Einheit, die wie eine Supergruppe des Progressive Rock wirkte, ohne je den Eindruck von Künstlichkeit zu hinterlassen.
Das Album eröffnet mit ´Share It´, einem eindringlichen Stück, das sofort die Balance zwischen Eingängigkeit und Komplexität spürbar macht. Sinclair führt den Hörer mit seiner prägnanten, warmen Stimme durch die Szenerie, während Miller die Gitarrenlinien fließend zwischen improvisatorischer Freiheit und klar komponierter Struktur balanciert. Stewart webt harmonische Teppiche, samt Tastensolo, die das rhythmische Spiel von Pyle elegant stützen, und bereits hier wird sichtbar, wie jeder Ton und jede Wendung sorgfältig orchestriert ist, ohne die Spontaneität zu verlieren: “Please do not take it seriously really, what a joke! The only thing that matters is to share it.”
Im anschließenden, instrumentalen ´Lounging There Trying´ steigert sich die Virtuosität Millers; seine Gitarre bewegt sich in verschlungenen, fließenden Linien, die sowohl an Jazzimprovisation erinnern als auch die formale Raffinesse klassischer Komposition tragen, während Bass und Schlagzeug ebenfalls in den Vordergrund drängeln.
Die kurzen, pointierten Stücke wie ´(Big) John Wayne Socks Psychology On The Jaw´ und ´Chaos At The Greasy Spoon´ wirken sodann wie kleine Fenster, die den Blick auf die größeren, orchestrierten Strukturen vorbereiten. Denn im instrumentalen ´The Yes No Interlude´ zeigt die Band im Anschluss ihre ganze Klasse: harmonische Wendungen, präzise gesetzte Saxophone von Jimmy Hastings und ein Zusammenspiel von Bass, Schlagzeug und Keyboards, das gleichermaßen elegant und verspielt ist, inklusive einer wilden Abfahrt zwischendurch. Hier offenbart sich die Essenz der Canterbury-Szene, in der technische Brillanz, Ironie und Leichtigkeit organisch ineinandergreifen.
´Fitter Stoke Has A Bath´ demonstriert ebenso lange über sieben Minuten, wie Humor und Musikalität auf überraschende Weise verschmelzen. Sinclairs leicht entrückter Gesang, der lautmalerische Singsang, die punktgenau eingesetzten Flötenlinien, die federnden Gitarrenmelodien Millers sowie die harten solistischen Gitarreneinlagen schaffen ein Klangbild, das zwischen Esprit und zarter Melancholie balanciert.
´Didn’t Matter Anyway´ setzt diesen Ton fort, ruhig und nachdenklich, getragen von einer eleganten Flötenlinie, die den Raum wie ein sanftes Echo durchzieht und der Musik eine beinahe meditative Tiefe verleiht: “It didn’t matter anyway. We’ll meet again some other day.”
Den impertinenten Höhepunkt, direkt nach dem instrumentalen, jazzigen, groovigen und melodiereichen ´Underdub´, bildet allerdings die Suite ´Mumps´, ein über zwanzigminütiges Werk, das die Band in ihrer ganzen Ausdruckskraft zeigt. In vier Teilen verschmelzen jazzige Improvisationen, verschachtelte harmonische Strukturen und verspielte Gesangspassagen der Northettes – Barbara Gaskin, Amanda Parsons und Ann Rosenthal – zu einem Kaleidoskop aus Klangfarben. Stewart brilliert am MiniMoog und Hammond-Organ, Miller antwortet mit virtuosen Gitarrensoli, Pyle hält das rhythmische Gefüge lebendig, während Sinclair den Basslinien und wenigen Gesangsmomenten Gewicht verleiht: “I remain a man of letters ’till the end. Balancing syllables upon my knees. I’ve flown through the air with the greatest of E’s. I did what you told me to. Now I only have I’s for U.” Die orchestralen Einsätze von Flöte und Saxophon, die subtilen Texturen und der spielerische Umgang mit musikalischer Erwartung erzeugen eine fast filmische Wirkung, die den Hörer in einen schwebenden Zustand zwischen Ernst und Leichtigkeit zieht.
´The Rotters’ Club´ ist mehr als ein Album, es ist ein Spiegel der Hochblüte einer Szene, in der technische Brillanz, kompositorische Raffinesse und eine feine, subtile Ironie zusammenfanden. Die Musik lebte von der Interaktion ihrer Musiker, jeder Moment schien sorgfältig gewählt, zugleich aber organisch und lebendig. Selbst Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung strahlt das Album immer noch Wärme, Lebendigkeit und emotionale Tiefe aus, öffnet Räume für Entdeckungen, lädt zum Hineinlauschen sowie zum Verweilen ein und zeigt, wie Progressive Rock auf höchstem Niveau klingen kann, wenn er mit Intelligenz, Herz und einem feinen Sinn für Humor gespielt wird.
In der “50th Anniversary Edition”, die bei “Music On Vinyl” als 2 x 180g-Vinyl erscheint, ergänzt durch ein 12×12-Zoll-Insert mit Bildern und Hintergrundinformationen, aber ohne Lyrik, entfaltet sich dieser Klang in besonders beeindruckender Weise. Die beiden Scheiben liegen sauber, zentriert und leise, die Musik wirkt ausgewogen und lebendig, sodass man die ganze epische Atmosphäre dieser Bandgeneration unmittelbar erleben kann.
(Klassiker)



