MeilensteineOnly Jazz Is RealPlattenkritikenPressfrisch

TYRONE WASHINGTON – Natural Essence

1968/2026 (Blue Note) - Stil: Jazz

Auf ´Natural Essence´ betritt Tyrone Washington die Szene mit einer Selbstverständlichkeit, die 1967 alles andere als gewöhnlich war. Mit gerade einmal 23 Jahren legt der Tenorsaxophonist aus Newark ein überraschend konkretes Debüt vor. Dieses Album vermittelt durchgehend das Gefühl, dass hier jemand genau weiß, was er sagen will. Die Nähe zu John Coltrane ist dabei unüberhörbar, doch Tyrone Washington bleibt kein Epigone. Sein Ton ist härter, manchmal fast schneidend, und genau darin liegt der Reiz dieser Musik.

Die Entstehungsgeschichte verleiht dem Album zusätzlichen Zündstoff. Kurz zuvor war Tyrone Washington aus der Band von Horace Silver entlassen worden, weil er sich nicht an harmonische Vorgaben halten wollte. Diese Entlassung wirkt auf ´Natural Essence´ weniger wie ein Rückschlag als wie ein Startsignal. Gemeinsam mit Woody Shaw, James Spaulding, Kenny Barron, Reggie Workman und Joe Chambers formt Tyrone Washington ein Sextett, das vor Energie strotzt und zugleich bemerkenswert geschlossen agiert. Rudy Van Gelders Aufnahme fängt das Geschehen mit jener Klarheit ein, die “Blue Note” in dieser Phase auszeichnete.

Der Titelsong ´Natural Essence´ eröffnet das Album mit einem funkigen Hard Bop-Statement. Die Melodie ist klar umrissen, der Groove sitzt tief, Joe Chambers treibt das Geschehen mit federndem Schlagzeug voran. Tyrone Washington steigt kraftvoll ein, setzt Akzente und steigert sich in ein Solo, das fest im bluesigen Hard Bop verwurzelt ist und zugleich mutig in die Avantgarde vorstößt. Woody Shaw kontert mit scharf geschnittenen Trompetenlinien, präzise und selbstbewusst, während Kenny Barron am Klavier rhythmische Widerhaken setzt.

´Yearning For Love´ schlägt eine andere Richtung ein. Die Ballade ist langsam und von einer intensiven Melancholie geprägt. Die Hörner vereinen sich, die Melodie wirkt fast gesungen, ohne jede Sentimentalität. Tyrone Washington phrasiert zurückhaltend und lässt Pausen wirken. Reggie Workman hält den Bass ruhig und stabil, während Joe Chambers mit Besenarbeit für ein leises, aber stetiges Vorwärts sorgt.

Mit ´Positive Path´ zieht das Tempo wieder deutlich an. Das Stück ist ein treibender Post Bop-Kracher, vertrackt und voller innerer Spannung. Das Thema wirkt wie ein Startschuss, danach folgt ein Solo nach dem anderen, ohne Leerlauf. Tyrone Washington spielt hier besonders aggressiv, mit schnellen Läufen und abrupten Richtungswechseln. Kenny Barron antwortet mit einem rhythmisch pointierten Klaviersolo, das dem Stück zusätzliche Schärfe verleiht.

´Soul Dance´ bringt eine fast tänzelnde Leichtigkeit ins Spiel. Der Groove ist unwiderstehlich und stark vom Soul-Jazz geprägt. James Spaulding wechselt zwischen Altsaxophon und Flöte und verleiht dem Stück eine fast verspielte Note, samt wilden Ausrufen. Trotz der Zugänglichkeit bleibt die Musik anspruchsvoll, die Rhythmusgruppe arbeitet mit kleinen Verschiebungen, die den Beat ständig in Bewegung halten.

Mit ´Ethos´ schlägt das Album wieder ernstere Töne an. Das Stück bewegt sich im Bereich des modalen Post Bop, mit offenen Harmonien und einer leicht experimentellen Grundhaltung. James Spaulding trägt mit der Flöte eine besondere Farbe hinein. Tyrone Washington lotet die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments konsequent aus. Joe Chambers nutzt das Schlagzeug orchestral, mit Akzenten auf Becken und Trommeln, die das Stück vorantreiben.

Den Abschluss bildet ´Song Of Peace´, ein ruhiger, fast hymnischer Ausklang. Allein im Trioformat agierend, spannt das Tenorsaxophon die Melodie weit, die Stimmung ernst und nachdenklich. Tyrone Washingtons Tenor klingt eher suchend, getragen von einem tiefen Ernst, der dem Album einen würdigen Schluss gibt. Ohne Pathos bleibt der Moment.

´Natural Essence´ verbindet Hard Bop, Soul-Jazz und avantgardistische Ansätze zu einer persönlichen Handschrift, die auch Jahrzehnte später frisch wirkt. Die Wiederveröffentlichung in der “Blue Note Tone Poet”-Edition hebt diese Qualitäten eindrucksvoll hervor, mit transparenter Klangabbildung und druckvollem Vinylschnitt. Doch unabhängig von Format oder Edition bleibt der Kern entscheidend: Dieses Album dokumentiert einen jungen Musiker auf dem Höhepunkt seiner Ausdruckskraft, kompromisslos, leidenschaftlich und mit einer selten gewordenen Klarheit.

Kult.

https://www.facebook.com/bluenote

Tyrone Washington – Tenorsaxophon
Woody Shaw – Trompete
James Spaulding – Altsaxophon, Flöte
Kenny Barron – Klavier
Reggie Workman – Bass
Joe Chambers – Schlagzeug

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"